Kongreßsaal Dt. Museum Steinmeyer-Orgel, war. Frage nach Raum und Orgel

Poupoulcorouse @, Elberfeld, Freitag, 18. Oktober 2024, 18:11 (vor 694 Tagen) @ Orlos

Ich würde die Frage nach dem "Warum" sehr viel allgemeiner beantworten:

Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert des Nationalismus. Daraus entwickelte sich ein comme-il-faut, das alle öffentlichen Lebensvollzüge besonderen Kriterien unterwarf. Was öffentlicher Akt war, musste patriotischer Akt sein, musste "dem Vaterlande dienlich" sein. Das galt insbesondere für alles, das ideell grundiert ist, wie zum Beispiel für die Kunst im öffentlichen Raum, wozu Orgelbauten zweifellos gehörten. Dieser Anspruch war auch nach der formalen Trennung von Kirche und Staat noch präsent und hat insbesondere in der NS-Zeit noch einmal einen neuen, letzten Höhepunkt erfahren, wenn auch mit einem etwas veränderten Wortschatz.
Ohne diese Voraussetzung wäre der NS-Jargon im deutschnationalen Mainstream nie so anschlussfähig gewesen. Auch heutige rechte Rhetorik in der Tradition des Nationalsozialismus knüpft, wenn auch eher auf dem Niveau der Farce, stilistisch teilweise daran an, siehe die Sprache von Björn Höcke.

In einer sprachlich so geprägten Welt müssen eben auch Orgeln "züchtig" sein und an ihrer Stelle dem nationalen Projekt dienen, bzw. seine Ordnung wiederspiegeln.
Daß das mit der Renaissance eines zumindest nominell barock inspirierten Orgelbaus eigentlich überhaupt nicht zusammenpassen wollte, war kein Hindernis, denn eine solche Sprache braucht letztlich keine inhaltliche Konsistenz mehr, sie konstruiert sich ihre Glaubwürdigkeit selbst. Kein Wunder, daß der Weg hin zum Dekonstruktivismus die letztlich logische, wenn auch teilweise nicht minder frustrierende Reaktion war.

Das Problem an der spezifisch deutschen Ideologie ist dabei übrigens nicht das Pathos selbst, sondern die Selbstviktimisierung und Selbstpräkarisierung, der es letztlich dienen muss.
Denn "Zucht", Ordnung und Gestaltungswillen dienen ja nicht etwas Positivem, Glücklichem, sondern sind einzig dazu da, um die Stärkung des Volkskörpers im Abwehrkampf gegen die bösen inneren und äußeren Mächte sicherzustellen. Die pathologische Furcht vor dem "Hereinbrechen" des Monströsen, das durch Zucht und Ordnung in der "Kraft des Raumes" aber gebändigt und gemässigt wurde, reflektiert diese Selbstviktimisierung in beeindruckender Weise.
Es lohnt sich fast, daneben mal Himmlers Posener Reden zu lesen, um zu sehen, wie vergleichbare Motive im Politischen durchdekliniert werden und in welche Abgründe sie führen können.


gesamter Thread:

 

powered by my little forum