Marien Lübeck - es war einmal...

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Mittwoch, 16. Oktober 2024, 21:30 (vor 698 Tagen) @ Poupoulcorouse

Aber daß auch da das Interesse wegbricht, wo man keiner Seite Murks vorwerfen kann, weder in Musik, noch in Predigt und Seelsorge, das ist zumindest für unsere Epoche eine eher neue Erfahrung. Und mit dieser Erfahrung muss umgegangen werden, wenn nicht aus einer nüchternen Diagnose neuer Murks werden soll.


Sehr richtig.

Aber wenn man aus Vernunft entscheidet, die große Kemper-Orgel zu bewahren, macht sie das weiterhin nicht zu einem hochwertigen Isntrument. Es ist halt vernünftig.

Die Aegidien-Orgel ist eine Universal-Übeorgel. Akustisch ist das fast schon ein Unterrichtsraum. Orlos hat recht, für das universale Musizieren ist Jakobi, die große, dran. Die Marcussen im Dom hat hohe Qualität, das wissen alle, und der Raum ergänzt das, was fehlt, und da ist schon ein bißchen was, wenn man sagt, dass für eine solche Großkirchenstadt eine Orgel groß symphonisch können sollte. Aber anderswo wird mit viel weniger agiert.

Lübeck ist noch immer deutsche Stiftungs-Hauptstadt, Gemeinsinn und Geld sind noch immer da, aber alles wird weniger (Buchtitel Thomas Mann: "Lübeck als geistige Lebensform"). Nicht vergessen, das war ja nicht irgendeine Hansestadt. Geld war massiv konzentriert, lediglich HAmburg war vergleichbar. Und nachdem schon der Dom heftig groß war, bauten die Bürger einen Kontrapunkt zur ungebliebten Bischofsburg, die Marienkirche. Dazu noch weitere Pfarrkirchen, die man halt so braucht.
Und im Nachglühen dieser Zeit, dem westdeutschen Wirtschaftswunder (Lübeck genoß ja außerdem noch den Charme das Zonenrandgebiets, weshalb bewusst oder unbewusst auch eine solide "Marke" bürgerlichen Kapitalismus in dieser Region zu setzen war), konnte man so fortetzen, als wäre nichts gewesen - keine Übertragung der Bau- und Unterhaltspflicht für die Kirhen vom Staat bzw. der Stadt an eine wie auch immer geartete "Volkskirche", die aber noch so viel Geld hatte oder zu haben glaubte wie einst die ganze Stadt als Eignerin der Kirchen. So konnte man auch im Wiederaufbau hinten vier/fünf und vorne drei Manuale errichten oder restaurieren.
Ja, genau: Das alles war einmal. Die Gegenwart ist auch hier fürchterlich.
Aber (wiederholen macht's nicht wahrer, ich weiß) die große Kemper ist nicht gut! :D
Dennoch wäre ich auch überrascht, wenn dort ein Orgelprojekt wirklich Realität würde. Begonnen hat ja die sehr teure Kirchensanierung - so was kommt ja alle paar Jahrzehnte einmal. Liegt auch über 20 Mio Euro.
Die früher allgegenwärtige Possehl-Stiftung hat auch schon gesagt: Wir schaffen Lübeck nicht mehr allein. Das war vor kurzem der Anlass zur Gründung der Sieben-Türme-Stiftung. Aber die muss ihr Stiftungskapital erst einwerben. Gemessen an den Aufgaben liegen da bislang nur Peanuts, wie sollte es auch anders sein, wenn nicht ein Unternehmer oder Großmäzen, wie einst Emil Possehl. einspringt und mächtig vorlegt.

Vielleicht ist es ja wirklich Zeit, sich zu erinnern:
Damals, als wir noch mit Verbrennungsmotoren reisten
Damals, als wir große Orgeln bauten
Damals, als in Mitteleuropa kein Krieg war
Damals, als es noch Kirchensteuer gab
Damals, als alles überhaupt viel besser war


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