Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Wolfgang Gourgé @, Mittwoch, 26. März 2025, 20:07 (vor 535 Tagen) @ Max Reger
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Mittwoch, 26. März 2025, 23:15

Sie sehen das offenbar anders, Herr Gourgé.....

...ja, auch aufgrund meiner Erfahrungen mit dem ein- oder anderen Konstrukt aus Lübeck.

In diesem Symposium sah ich keine Chance, ernsthaft dagegenzuhalten und habe einfach die Eindrücke in all ihrer Vielfältigkeit auf mich wirken lassen. Auch die Stellungnahme der (in meinen Augen unqualifizierten) Frau Dr. Hunecke, die dort quasi "grünes Licht" gab für einen Abriss.
Ich finde es wirklich bemerkenswert, dass eine Denkmalpflege in Hannover (Marktkirche) bei einer ganz gut vergleichbaren Ausgangslage (siehe AO 1-2025) eine diametral entgegengesetzte Linie eingeschlagen hat. Nach meiner Auffassung: um Längen qualifizierter in der Betrachtung und Analysefähigkeit als bei der Denkmalpflege in Lübeck.

...diametral entgegengesetzt vielleicht, aber dort hat Goll in das originale Gehäuse eine komplett neue Orgel eingebaut. U.a. hatte Hans-Ulrich Erbslöh der vorherigen Orgel desaströse Platzverhältnisse bescheinigt und dringend zu einem Neubau geraten. Ich konnte seine Stellungnahme lesen.

Hans-Martin Petersen stellte das alles sachlich-ausgewogen dar, mit pro und contra - den Eindruck, dass da jemand "cum ira et studio" Tatsachen verbiegt, um die Weichen um jeden Preis in Richtung Neubau zu stellen, hatte ich nicht.
Das Ziel, dieses Werk zu beseitigen, hat der ""Orgelsachverständige"" Petersen schon viele Jahre zuvor Prof.Ernst Erich Stender sehr nahegelegt, wie mir dieser berichtet hat.
"Sachlich ausgewogen" - ganz sicher nicht, wie ich immer wieder versuche auszuführen und zu belegen. Nonsens bleibt Nonsens - jeder Kollege wird mit dem Kopf schütteln, wenn er dieses Eloborat Herrn Petersens liest.


Das alles als "fachfremd" zu bezeichnen, wenn man selbst nicht dabei war, ist schon ein wenig problematisch; ich würde mir ein solches Urteil nicht anmaßen.

Wenn Aussagen von Herrn Petersen gemacht werden, wo jeder Fachmann (!!) nur den Kopf schütteln kann, dann darf man eine solche Aussage erhobenen Hauptes treffen. Mit vielen seiner Aussagen hat Herr Petersen sein Vermögen oder auch Unvermögen sehr deutlich erkennen lassen - wie gesagt: lesen Sie meinen Text dazu, bitte.
Wie HMP versucht zu suggerieren, daß Substanz und Spiel dieses Werkes quasi pathogenes Potential bergen, ist einfach nur absurd.

...saßen Sie mal am Spieltisch? Die schwergängigste Traktur, die ich jemals unter den Fingern hatte. Hat bei Kemper übrigens "Tradition" - selbst kleinere Orgeln sind grotesk zäh zu spielen.

Bei einer technischen Sanierung - die unabhängig von der Funktionsfähigkeit nach so vielen Jahren ohnehin angestanden hätte (der Zustand der Prospektpfeifen war 2014 ästhetisch wie statisch katastrophal) - werden die Laden üblicherweise herausgenommen

Herr Gourgé, woher beziehen Sie eigentlich die Grundlagen für solche Aussagen?
Wie lange arbeiten Sie schon im Orgelbau, dass Sie solche ""Feststellungen"" hier verbreiten?

Wenn Windladen im Prinzip in Ordnung sind, wird man sie an Ort und Stelle lassen. Für Arbeiten an den Ventilen, an der Elektrik oder den Schleifenzuapparaten ist ein aufwendiger Ausbau der Laden regelmäßig nicht erforderlich.
Ich kann über Ihre Aussagen, die einfach nicht der Realität entsprechen, nur den Kopf schütteln. Wieviele Orgeln aus der Nachkriegszeit konnte ich (mit Kollegen) renovieren. Ich erinnere mich nicht an eine einzige, wo die Windladen ausgebaut worden sind. Um so etwas für erforderlich zu halten, muß eine WL schon ganz erhebliche bspw. statische Probleme haben und voller Durchstecher sein.
Ich warte immer noch auf (Ihre) Belege für die Aussage von Ihnen, dass man die Laden hätte "restaurieren" müssen und darüber, dass die Spanplatten irgendwie ein Sanierungsfall gewesen sind - bislang liegen mir dazu keinerlei Anhaltspunkte vor.
Vielleicht können Sie (bspw. mit Fotos) darlegen, worin die angeblichen Defizite bestanden oder ist auch das nur eine unbewiesene Behauptung?

....im Rückpositiv der Lübecker Orgel ist die Windlade sehr hoch angeordnet, weil unter dieser der Balg des RP ist. Weder an die Pfeifen noch an den Balg kam man vernünftig heran (so schilderte es mir jemand, der es sah - Organist, Professor an der Lübecker MHS). Wie wollen Sie so etwas warten bzw. überprüfen, ohne die Lade auszubauen? Alles so lassen, weil es ja möglicherweise noch irgendwie funktioniert?

Bei einer normalen Reinigung/Wartung mag stimmen, was Sie sagen. Aber nicht bei einer Überarbeitung nach so langer Zeit - zumal bei der Verwendung so problematischen Materials wie bei Kemper. Sehen Sie sich den Bildband zur Hamburger Jacobi-Orgel an - dort lässt sich besichtigen, wie und mit womit Kemper gearbeitet hat.

Was hätten Sie gegen die akustisch ungünstige (weil viel zu hohe) Plazierung getan?

Nichts - weil ich das Instrument dort, wo es geplant und montiert ist - als akzeptabel ansehe. Defizite hin und her: für eine Beseitigung bedarf es schon mehr an Legitimation als solche Kritikpunkte.

Weshalb es die Werkstatt Kemper nicht mehr gibt, entzieht sich meiner Kenntnis.

...meiner nicht: weil die Instrumente nichts taugten (und die Restaurierungen ebensowenig). In Landkreis Stade gibt es noch eine Kemper: die in Neukloster bei Buxtehude (Lamstedt, wo Kemper eine Röver hinrichtete, dürfte nicht mehr LK Stade sein). Die schlechteste Orgel, die ich kenne; selbst die wirklich nicht beeindruckende Ott von 1959 in der Stader Johanniskirche ist ungleich besser. Die Kemper in Estebrügge ist, wie ich schon schrieb, stillgelegt.

[image]
(Neukloster)

Aber wenn Sie schon solche vordergrünidgen Fragen stellen: weshalb gibt es wirklich qualitätvolle Orgelabuer wie Führer, Breil, Albiez.....nicht mehr? Sie insinuieren in eine bestimmte Richtung. Und vielleicht treffen Sie sogar ins schwarze - ohne daß eine stringente Schlussfolgerung zur Orgel in St. Marien damit bestünde.
Gegenfrage: weshalb wurden und werden große Kemper-Orgeln renoviert und erhalten?

....es gibt viele Gründe, warum eine Firma erlöschen kann: Ruhestand/Tod des Inhabers (Albiez), Aufgabe (Breil), vielleicht betriebswirtschaftlich unkluges Verhalten, nicht zuletzt: die sich immer weiter zuspitzende Krise der Kirchen. Schlechte Orgeln sind nur einer davon. Kemper ging 1978 unter - das war ziemlich genau die Zeit, in der sich die fragwürdige Qualität vieler Nachkriegsorgeln zu manifestieren begann.

Mir sind mit einer Ausnahme keine großen Kemper-Orgeln bekannt, die in Deutschland "renoviert und erhalten" wurden: Koblenz, Rhein-Mosel-Halle, elektrisch mit Pitman-Laden. Ansonsten werden Kemper-Orgeln zumeist wohl schlicht deshalb weitergenutzt, weil kein Geld für Neubauten mehr vorhanden bzw. "einwerbbar" ist.

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: ich bin weiß Gott kein Verfechter von Spanplatte, Aludraht und manchem Material mehr, das aktuell kaum noch verarbeitet wird.
Ich vertrete aber eine sehr differenzierte Sichtweise auf Instrumente im Bestand und aus dem Verständnis für den Zeitgeist.
Und ich bestehe auf eine fachlich fundierte Auseinandersetzung ohne Scheuklappen und mit Blick auf Verhältnismäßigkeiten.

...ich auch. Ich glaube nicht, dass ich solche Klappen trage. Und wenn Hans-Martin Petersen so voreingenommen war, wieso hat er dann nicht auch für einen Neubau im Lübecker Dom plädiert? Die dortige Marcussen-Orgel, aus derselben Zeit wie die Kemper in St. Marien, ist vor einigen Jahren unter seiner Zuständigkeit überholt und mit einer neuen Setzeranlage ausgestattet worden. Ich denke mal, es hat mit der Qualität des Instruments zu tun, warum sie seit ihrem Bau als Landmarke gilt (was auch an der hochwertigen Nachkriegsgestaltung des Lübecker Doms durch Friedhelm Grundmann liegt, deren integraler Teil sie ist), ebenso wie die Marcussen-Orgeln in Rotterdam oder im Linzer neuen Dom, beide von ähnlicher Größenordnung wie die Kemper, aber qualitätsmäßig auf einer anderen Galaxie. Eine Kemper gleicher Größe wie die Marcussen im Lübecker Dom wäre längst durch einen Neubau ersetzt worden. Die Existenzsicherung der Marien-Kemper war über Jahrzehnte schlicht deren monumentale Größe, deren Ersatz durch einen Neubau architektonisch, konzeptionell, technisch und finanziell ganz andere Anforderungen stellt als im Dom. Sicher mag auch die Genügsamkeit von Ernst-Erich Stender - ich meine das nicht abwertend - eine Rolle gespielt haben, der die Orgel nahm, wie sie war; allerdings war sie zu seinem Dienstbeginn auch noch neu.

Ich bin sehr gespannt auf Ihre Antworten zu meinen Fragen.
Freundliche Grüße sendet aus Kevelaer
Eckehard Lüdke

...danke gleichfalls, aber alles weitere dann vielleicht eher in dem neuen Thread, der zu diesem Thema besser passt.


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