Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Wolfgang Gourgé @, Montag, 24. März 2025, 15:12 (vor 533 Tagen) @ Max Reger
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Montag, 24. März 2025, 15:20


> Ja, dann passte die Kemper-Orgel ja perfekt zu den genügsamen Bedürfnissen der Gemeinde. (Ironie aus).

Die Totentanz-Orgel - ist diese wirklich so dürftig gewesen wie oben angedeutet? - sollte unter Ernst-Erich-Stender von Grund auf saniert werden. Dafür wurde lange Zeit viel Geld gesammelt.
Und was ist dann gemacht worden? Das Instrument ist beseitigt und durch einen Neubau ersetzt worden (Diese Masche haben in gleicher Weise vor Jahren auch Martin Rost und seine "Orgelkommission" in Stralsund gestrickt: Jakobi-Mehmel-Orgel!).
Der inzwischen vom jungen Mann zum Herrn im Beamtenstatus gereifte Orgelspieler hat seinerzeit großzügig für die proklamierte Renovierung der "Totentanz-Orgel"gespendet - er schätzte dieses Werk, bei dem sich Kemper 1955 orientiert hatte am Klangbild der untergangenen mittelalterlichen Orgel, sehr.
Und ist dermaßen abgestoßen gewesen über so eine Täuschung, dass er aus der Kirche ausgetreten ist.

...waren Sie denn damals beim Symposion (2014) dabei? Haben Sie die Fotos aus dem Inneren der großen Kemper-Orgel gesehen? Wie stellen Sie sich den Umgang mit Windladen aus Pressspan vor?

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(Spanplatten unter den großen Basspfeifen im C-"Balkon", eigenes Foto)

Kein Orgelbauer wäre bereit gewesen, solche Laden zu "restaurieren", schon deshalb nicht, weil man auf sowas keine Gewährleistung geben kann. Die Fotos aus dem Orgelinneren - eine Spanplatte nach der nächsten - waren niederschmetternd. Die einzige Möglichkeit wäre ein kompletter technischer Neubau gewesen.

Es gab einen einzigen Orgelbauer, der eine solche Generalsanierung der großen Orgel ins Gespräch brachte: Konrad Mühleisen.

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Der naheliegende Einwand ließ nicht lange auf sich warten: genauso teuer wie ein Neubau, und dazu Konservierung der klanglichen Defizite. - Es ist ja nicht unsympathisch, wenn man zuerst mal "gegen den Strom schwimmt". Aber trotzdem sollte man sich fragen, ob der Strom möglicherweise in die richtige Richtung fließen könnte - oder waren das bei dem immerhin ja hochkarätig besetzten Symposion alles Ignoranten?

Und auch die "Rekonstruktion" der Totentanzorgel durch Kemper im Jahr 1955 war diese Bezeichnungn wohl eher nicht wert: zunächst mal war sie nicht am originalen Standort, sondern dort, wo heute ihre Nachfolgerin von Führer steht, also um 90 Grad entgegen dem Uhrzeigersinn gedreht. Das ist kein vernachlässigbarer Unterscheid. Am originalen Standort ist heute die astronomische Uhr anzutreffen; beim Symposion fand eine Totentanzorgel-Simulation mittels aufwendiger Lautsprecheranlage auf einem Kran statt (mit Klängen der Stellwagen-Orgel aus St. Jakobi) - für mich sehr überzeugend, auch im Chorraum war die "Orgel" trotz ihrer Abstrahlung in die Gegenrichtung erstaunlich präsent.

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Und wenn das Material der großen Orgel von 1968 so bescheiden war, wird dann das Material der 1955er-Totentanzorgel besser gewesen sein - oder eher noch schlechter? Ich fürchte, eher letzteres. Die Kemperin in Estebrügge, unweit von Buxtehude, war aus derselben Zeit, 1958 - eine Beleidigung des Schnitger-Gehäuses und seit vielen Jahren stillgelegt. Reparaturversuche gab es mal - eine Fehlinvestition, übrigens genauso wie bei der Kemper in der Hamburger Katharinenkirche, in die Beckerath in den 1980ern noch eine komplett neue Spielanlage einbaute. Walter Kraft hat auf der 1955er-Totentanzorgel das Gesamtwerk Buxtehudes eingespielt - unverkennbar der spröde, heisere Kemper-Klang.

Was Sie zur Zukunft der Kirchen sagen: alles richtig, für die Gemeinde genügt längst die Briefkapelle, vermutlich auch im Sommer. Vielleicht kann man in St. Marien künftig auch nur mit einer rekonstruierten Totentanzorgel auskommen, ganz ohne große Orgel - kirchlichen Bedarf gibt es dafür nicht mehr. Aber gibt es den in Groningen, Aa-Kerk, Pelstergasthuiskerk und Martini? Oder in Deventer, Broederenkerk, Bergkirche und Lebuinuskerk? Oder in Zwolle mit der Grote Kerk auf dem Marktplatz, der Dominikanerkerk? Hasselt, Zutphen? Man kann fast jede größere Kirche in den Niederlanden nehmen, und die Antwort ist: Nein, alle diese Kirchen werden mittlerweile mindestens mehrfunktional genutzt. Trotzdem erhalten die Niederlande ihre Kirchen und Orgeln, weil sie nunmal historische kulturelle Denkmäler sind. Und die politischen Gemeinden stellen "Stadtorganisten" an - ein Modell, das auch in Städten wie Lübeck, Lüneburg (oder Stade...) irgendwann ansteht, will man die Orgelkultur erhalten (man sollte sich schonmal damit vertraut machen....). St. Marien als Veranstaltungs-, Ausstellungs-, Touristenraum und Buxtehude-Gedenkstätte: warum nicht?

Und wenn sich Institutionen oder Personen finden, die eine große neue Orgel in St. Marien in Lübeck wollen und finanzieren: deren Sache. Dagegen lässt sich nicht mit fehlendem kirchlichen Bedarf argumentieren. Die Kirchen sind in ihrer gegenwärtigen Verfassung nunmal Auslaufmodelle. In Kürze erscheinen die neuen Zahlen für 2024, und die werden ebenso erwartungsgemäß ausfallen wie die hilflosen Statements aus den Kirchenämtern ("Bedeutung der christlichen Botschaft betonen", "Mehrwert durch Kirchenmitgliedschaft" - der Gipfel war ja für mich eins der Statements von Annette Kurschus: Hochs und Tiefs habe es ja immer in der Geschichte der evangelischen Kirche gegeben, dies gehöre zur Kirche dazu - "Achtung, achtung, hier spricht der Kapitän der 'Titanic': Schiffsuntergänge gibt es seit Beginn der Seefahrt, und Menschen bestehen ja ohnehin zu 70% aus Wasser - also keine Panik, alles halb so wild!"....)....


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