Max Reger: Fantasie und Fuge d-moll op. 135b
Wenn Reger ein eigenes Werk kürzte, dann tat er das meist, weil andere (in erster Linie Karl Straube) ihm reingeredet haben. Dass er sich gerade bei diesem Werk so spät noch für Streichungen entschied, spricht ja auch eher dafür.
Hier gibt es eine Darstellung, die Regers Briefe (und Postkarten) an Straube und die Arbeit an den Korrekturbögen parallel aufführt. Da gibt es schon klare Hinweise, dass Straube die Kürzung vorchlug und Reger sie ausgeführt hat. Trotzdem hat er nachdrücklich Rat gesucht und angenommen. Ich bin – jetzt wirklich – neugierig, ob und wie sich in der Komposition ablesen ließe, dass Reger damit insgeheim nicht einverstanden war.
Hallo!
Ich erwähnte, dass das MRI in der Reger-Werk-Ausgabe darlegt, dass Straube eher nicht für die Kürzungen verantwortlich war und sie allenfalls billigte. Die erwähnten "Änderungen" waren wohl eher Vortragsangaben und Manualverteilungen.
Es wundert mich sowieso dass das MRI, für das die Urfassung eigentlich auch nicht auf das Notenpult gehört, diese Fassung gedruckt(!) in den Anhang gibt, während sonst solche Alternativen als pdf-Dokument auf die DVD verbannt wurden. Wie ich gehört habe, ist das wohl auch dem Einsatz der Praktiker, die immerhin um ihre Meinung gefragt wurden, zu verdanken.
Ich bin so frei, mal ausführlich aus dem Vorwort der RWA zu zitieren, was die Kürzungen betrifft.
Besonders bemerkenswert an Regers 1. Korrekturabzug sind drei großflächige Kürzungen, die eine Verringerung des Werkumfangs von 20 auf 16 Druckseiten zur Folge hatten: In der Phantasie strich er die Takte 40-49 (S. 9 der Korrekturfahnen), in der Fuge die Takte 44-63 (S. 15-16) und 74-81 Taktmitte (S.18); an den Anschlussstellen nahm er Anpassungen durch Überklebungen vor. Mit diesen Kürzungen scheint Reger jedoch erst nach dem 1. März 1916 begonnen zu haben, da er an diesem Tag gegenüber Straube noch von »20 Druckseiten Umfang« sprach (s.o.). Aufgrund des Quellenbefunds (vgl. Kritischer Bericht) ist davon auszugehen, dass die Streichung der Takte 44-63 der Fuge den beiden anderen Kürzungen zeitlich voranging: Zum einen finden sich in diesem Abschnitt keine Korrekturen Regers mit roter Tinte, zum anderen ist die Paginierung der ursprünglichen Seiten 17-20 in zwei Schritten auf zunächst 15-18 und dann 14-16 geändert. Somit ergibt sich, dass Reger die ursprünglichen Seiten 15 und 16 entfernte, bevor er Korrekturen mit roter Tinte eintrug, während die ursprünglichen Seiten 9 (Phantasie, T. 40-49) und 18 (Fuge, T. 74-81) in einem späteren, diesem Korrekturgang nachgelagerten Schritt entfielen.
Bisher sind alle drei genannten Kürzungen mit einem abendlichen Treffen Regers und Straubes am 11. April 1916 in Leipzig in Verbindung gebracht worden. Denn von Jena aus, wohin er am folgenden Morgen weitergereist war, berichtete Reger bereits am 12. April abends: »Die Änderungen in dem Orgelwerk hab' ich schon alle gemacht! Ich sende es morgen nach Berlin und lasse Dir sobald als möglich einen exemplarmäßigen Abzug machen! Ich denke, daß ich Dir denselben balde senden kann. Es war doch fein, daß wir uns gestern abend getroffen haben.«(87) Neben den nicht näher spezifizierten »Änderungen« besprachen die beiden Freunde an diesem Abend offenbar auch, dass Straube das Werk in Hannover uraufführen sollte.(88)
Die Streichungen der Takte 40-49 der Phantasie sowie der Takte 74-81 der Fuge können Gegenstand dieser Besprechung gewesen sein. So finden sich im Korrekturabzug an der entsprechenden Stelle in der Fuge Bleistifteintragungen Regers, die den geänderten Anschluss skizzieren. Sie sind entweder als Visualisierung für Straube oder als Gedächtnisstütze Regers interpretierbar. Die oben dargelegte Streichung der ursprünglichen Takte 44-63 der Fuge jedoch dürfte bereits vor diesem Treffen stattgefunden haben, denn es ist kaum anzunehmen, dass sowohl der Korrekturdurchgang mit roter Tinte (mindestens ab S. 15) als auch alle drei Kürzungen innerhalb eines halben Tages durchgeführt wurden.(89) Außerdem findet sich an einer bereits im Zuge der ersten Kürzung durch eine Überklebung bearbeiteten Stelle (Fuge, T. 40) eine auffällige Änderung der Manualverteilung, die somit nach dieser Kürzung stattgefunden haben muss. Die neue Manualverteilung wiederum dürfte zu den von Straube angeregten »Änderungen« gehören.(90)
Bei Rücksendung des 1. Korrekturabzugs am 13. April an den Verlag erläuterte Reger ausführlich den technischen Kürzungsvorgang und bestellte eine weitere Korrekturfahne sowie den Straube zur Vorbereitung der Uraufführung versprochenen Abzug. Zugleich bat er »dringendst darum, daß ich die alten, ketzt an Sie abgesandten Abzüge wieder zurückerhalte«.(89) Laut Vermerk auf der 1. Korrekturfahne waren die beiden neuen Abzüge »b[is] 18/4 bestimmt« herzustellen; bereits am 22. April konnte Reger das Übungsexemplar an Straube senden.(92) Sechs Tage später erhielt der Verlag von Reger auch den bearbeiteten 2. Korrekturabzug: »[...] es fehlt da fast gar nichts mehr; nur ein paar Kleinigkeiten!«(92) Aus dem wunschgemäß zurückerhaltenen 1. Korrekturabzug musizierte Reger am 3. Mai am Klavier mit Fritz Busch,(94) der die Korrekturfahne geschenkt bekam.
Fussnote:
(89) Jedenfalls könnte dann wiederum die Streichung der Seite 18 schwerlich mit Straube besprochen gewesen sein; es ist nicht vorstellbar, dass Reger diese am Tag darauf dennoch zunächst mit roter Tinte redigiert hätte.
(Reger-Werk-Ausgabe, Band I-3, Carus, S. XVIf.)
Gruß
Karsten
P.S. Die ungekürzte Urfassung findet man als Digitalisat auch online. Wunderschönes Manuskript.
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