Bewertung Improvisation

Andreas Scotty Böttcher ⌂ @, Dresden, Dienstag, 16. April 2013, 21:33 (vor 4884 Tagen) @ Friedrich

Auch wenn die Frage ein wenig provokant klingen mag, ist sie eigentlich meinerseits sehr seriös gemeint:
Improvisation im eigentlichen Sinne ist zunächst mal Stegreifspiel - also eben nichts eingeübtes. Ist es das wirklich noch, wenn man sechs Stunden am Tag "Improvisation" übt? Oder ist es ein reines Abrufen von Handwerk? Vielleicht sollte ich dabei einräumen, dass möglicherweise das Improvisationsverständnis in Jazz und Rock (wo ich herkomme) generell ein anderes ist, als man es in der Kirchenmusikschule lernt. Mich persönlich reizt die Stilkopie überhaupt nicht, auch wenn ich hohen Respekt vor der handwerklichen Leistung habe, die damit verbunden ist. Aber darüber gab es hier an anderer Stelle schon mal eine anregende Diskussion.

Vielleicht machen wir einen Fehler, wenn wir Improvisation mit den Maßstäben der Komposition messen. Mir kommt das dann ein bisschen so vor, als wollte man einen zwanglosen Gedankenaustausch, der von der Einmaligkeit des Augenblicks lebt, mit der Perfektion der Schriftstellerei und Dichtkunst betreiben. Nein, das sind zwei verschiedene "Paar Schuhe". In der Improvisation geht es m.E. um eine atmosphärische Momentaufnahme, der durch die Zeiteinheit von Kreation und Ausführung, durch das Lebensgefühl der Musiker und die momentane Atmosphäre des Raums, des Lichts, der Tagesform eine Lebendigkeit und geballte Intensität innewohnt, wie sie eine ausgeklügelte Komposition kaum erreichen kann, wenn sie zur Aufführung kommt. Mit der Komposition erreicht man dafür eine Art architektonische Kunstfertigkeit in der Formensprache, die man in der Improvisation vermutlich so nicht hinkriegt (und auch nicht hinkriegen muss). Oder anders ausgedrückt: Die Perfektion in der Improvisation ist für mich eine andere, als lupenreine Fugen und Sonaten abzurufen. Improvisation ist etwas spontanes und wildes.

Letztens habe ich ein Album mit einem äußerst kreativen Musiker gemacht, der auf mehreren Instrumenten erstaunliche Improvisationen zustande bringt. Der hat vermutlich noch nie an einer Orgel gesessen, doch ich bin mir sicher, dass er absolut gültige Musik herausholen würde. Schließt ihn mit Proviant und Schlafsack für drei Tage im Altenberger Dom ein, damit er sich bis über beide Ohren in die Orgel verlieben kann. Dann lasst Leute rein und ihn ein Konzert spielen. Das würde der Hammer werden - handwerklich alles andere als perfekt, aber vor Kreativität strotzend und spannend ohne Ende.

Herzlich grüßt
Scotty.

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"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." (Gustav Mahler)


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