Bewertung Improvisation

Friedrich @, Dienstag, 16. April 2013, 20:06 (vor 4885 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
bearbeitet von Friedrich, Dienstag, 16. April 2013, 20:09

Als Nur-Hörer habe ich nach etlichen Konzert-Improvisationen den Eindruck, dass einer der schwierigsten Punkte die thematische Metrik zu sein scheint, also das Einhalten von Zweier-, Vierer- und Achter-Taktgruppen. Man muss also Zäsuren setzen können, warten können, wiederholen, füllen und stoppen können.

Das trifft natürlich vor allem die Stil-Improvisation, da muss es einfach stimmen. Denn dabei ahmt man ja nicht Improvisationen nach, sondern Kompositionen. Verlässt man den regelmäßigen Rahmen, wird die Musik uferlos und damit schwer verständlich.

Wenn ich Duprés Improvisationsaufnahmen höre, fällt mir auf, dass er manchmal auf Deubel komm raus seine Taktgruppen 2 + 2 oder 4 + 4 aufbaut, auch auf Kosten der Lebendigkeit; und wenn er es nicht tut, wirkt das bei ihm nicht spannungssteigernd, sondern ausgeleiert. Und wenn man sich fragt, warum er laut eigener Angabe täglich sechs Stunden Improvisation übte: Das scheint mir ein dankbares Thema fürs Üben zu sein. Denn solche Gruppen zu bauen, das muss man üben, und offenbar kann man es auch. Man muss eben auf Dauer eine Art Über-Ich installieren, das streng Schläge, Akzente und Takte mitzählt. Stilimpro ohne dieses Training wirkt schnell langweilig.

Wer ein komplettes Lied zum Thema nimmt, hat es da erstmal gut, denn das hat seine eigene Metrik. Dann muss er es natürlich entwickeln, da möchte ich aber schon verstehen, warum er das auf diese bestimmte Weise tut.

Rhapsodisches Einherdonnern finde ich höchstens eineinhalb Minuten lang interessant, dann ist alles gesagt – außer der Spieler macht mir klar, dass da noch etwas auf mich wartet, etwa indem er ein Thema einführt oder einen lösungsbedürftigen Kontrast setzt oder einen Schluss ausscheren lässt.

Übrigens läuft auf der Mailinglist Piporg-L gerade eine sehr interessante Diskussion zum gleichen Thema, an der sich viele Profis auf lesenswerte Weise beteiligen.

Meine schönste Impro-Überraschung habe ich im Freiburger Münster erlebt, wo ein amerikanischer Organist (Name vergessen – vielleicht weiß ihn hier einer der anderen Münstergänger) eine Veni-Creator(?)-Impro im Programm hatte. Ich erwartete ein Gedonner. Es kam eine wunderbare, gar nicht lange Fuge mit der damals flötigen Schwebung der Marienorgel und einem herrlich sanft singenden Cantus firmus. So geht’s also auch, dachte ich.

Gruß,
Friedrich


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