Hochzeitsorganist

Solcena ⌂ @, Donnerstag, 03. Juli 2014, 09:43 (vor 4506 Tagen) @ Wolfgang Gourgé
bearbeitet von Solcena, Freitag, 04. Juli 2014, 12:41

....nicht?

Ich begleitete vor gut 20 Jahren gelegentlich einen Hochzeits-Heldentenor (ich berichtete hier schon mal über ihn). Netter Kerl, kam immer mit gewaltiger Parfümwolke und sah in seinem Lederjackett ein bißchen wie ein entlaufener Mitropa-Schlafwagenkellner aus. Aber, wie gesagt: nett. Irgendwann hatte er aus der DDR "rübergemacht" und arbeitete im Westen als Musiklehrer.

Sein "Repertoire": "Ich bete an die Macht der Liebe" und das Bach-Gounod-"Ave Maria", das auf den hiesigen historischen Instrumenten mit bisweilen mitteltöniger Stimmung und begrenztem Tastaturumfang dem Organisten wie auch dem Gehör einiges an Anpassungsvermögen abverlangt. Das galt im übrigen auch für seinen "Gesang": Zeitlupentempo, als ob er die Noten mit einem Nudelholz ausgewalzt hätte. Dafür sehr pathetisch. "I-hiiiiiiich beeeeeee-teeee aaaa-haaaaaaaaaan...."... Als ich ihn das erste mal begleitete, sprintete ich prompt drei Takte vor und mußte dann wieder "zurückimprovisieren". Man lernt viel bei solchen Events.......

Er bekam, zu DM-Zeiten, 400 DM für einen solchen Auftritt mit seinem "Gesamtrepertoire", also ziemlich genau 200 €. Drei Hochzeiten pro Samstag, manchmal vielleicht auch vier, das an vier Samstagen im Monat: man kann sich ausrechnen, daß er gut wegkam.

Hallo Wolfgang,

bei einem Gottesdienst, wo ich einen Solisten begleite oder noch ein separates Stück einstudieren muss, würde ich auch mehr verlangen als die üblichen 24 Euro C-Vergütungssatz hier in unserem Bistum - die ja für ein Hochamt (Zeitansatz eine Stunde) gezahlt werden. Fahrtkosten bekomme ich bei einem einzelnen Vertretungsgottesdienst ja auch keine erstattet...

Bei so einer Hochzeit kann man schon nach Zeitaufwand abrechnen; z.B. separate Solistenprobe und Fahrt dazu 1,25h + Gottesdienst inkl. An- und Abfahrt 1,25h = 2,5h x 24 Euro = 60 Euro. Da sollte sich niemand drüber beklagen können. Schmerzensgeld für grauenvolle Solisten / furchtbare Orgeln ist da allerdings nicht inbegriffen :-)

Ansonsten stimmt natürlich der Hinweis auf die anderen Honorare an diesem Tag, z.B. die der Solisten (insofern sie nicht aus dem Verwandten- oder Freundeskreis kommen und umsonst musizieren) oder Fotografen, Alleinunterhalter etc.

Man könnte natürlich sagen: Du hast doch für deine Orgelausbildung gezahlt, schaffst dir Noten, eine digitale Übeorgel usw. an. Ja, stimmt natürlich. Aber ich spiele aus Spaß an der Freude und nicht zum Geldverdienen - ein fantastisches Hobby. In der Kirche kann ich mich ja auch in der Regel einfach an die Orgel setzen, anschalten und losspielen - da hat der Alleinunterhalter mehr Equipment im direkten Einsatz, das finanziert werden will. Müsste ich ein E-Piano mitbringen und aufbauen, würde ich dafür auch ein paar Euro haben wollen.

LG!


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