Hochzeitsorganist

ArnezN, Samstag, 28. Juni 2014, 22:13 (vor 4509 Tagen) @ Manuel

Ich habe für mich beschlossen, seit diesem Jahr keine Hochzeiten mehr zu spielen, bei denen ich auf Extrawünsche eingehen muss. Als Orgnist an einer "Hochzeitskirche" habe ich da in den letzten Jahren fast ausschließlich schlechte Erfahungen gemacht, von der schlechten Gospel-Sängerin, die über Boxen ihren Bach/Gounod (in der evangelichen Kirche!) schmierte, während ich mit meiner Salicional 8'-Begleitung in jedem Takt ihr willkürliches Rubato ausgleichen musste, über die Brautmutter, die einer Sängerin nach einer 1 1/2-Stunden "Traufe" bei meinem Nachspiel den Umschlag in die Hand drückte und wieder ging, den Opa, der wollte dass ich ihn und seine Klarinette begleite - das absurde Lied, um das es ging, ist mir jetzt entfallen - aber von dem Vorhaben abrückte, als er erfuhr, dass ich dafür 50 Euro haben wollte, bis zu dem Brautpaar, mit dem ich nie ein Wort gewechselt habe, bei deren Hochzeit ich aber, als ich an die Orgel ging und das Liedblatt ansah, feststellte, dass darauf "Einzug Hochzeitsmarsch Mendelssohn" und "Auszug Hochzeitsmarsch Wagner" abgedruckt war - Mendelssohn klappte einigermaßen aus dem Kopf, Wagner driftete irgendwann in eine barockisierende Fuge ab.

Was mich dabei am meisten stört, ist, dass die ganze Hochzeitszeremonie in der Kirche meist nur noch eine Inszenierung für das Fotoalbum ist, oder, wie es Arno Paduch jüngst als Einführung zu einer rekonstruierten Krönungsmesse formulierte: "Wenn die Zeremonie an Bedeutung verliert, nimmt der Prunk zu."
Durch diese Entwicklung werde ich natürlich vom Kirchenmusiker zum Musik-Dienstleister, und auf den Job hab ich schlicht keine Lust. Und meinem hohen Anspruch an die musikalische Gestaltung eines Gottesdienstes kann so eine Hochzeit einfach nicht gerecht werden, sei es durch völlig unpassende Musikauswahl oder die dadurch bedingte schlechte Darbietung meinerseits.

Diese Aufblähung der Hochzeit wirkt sich übrigens nicht nur auf uns Organisten aus! Alle Kirchenangestellten sind davon genervt: Die Gemeindesekretärin, die permanent organisierende Brautleute am Telefon hat, der Küster, der 3 Stunden vorher und nachher die Kirche offen halten muss, damit der Blumenschmuck auf- und abgebaut werden kann, und sogar der Pfarrer, der mir mal sagte "Am liebsten wär es den Leuten, wenn sie mir selbst eine Predigt auf das Pult legen könnten, damit ich auch nichts falsches sage."

Das ist doch alles kein Gottesdienst mehr, sondern Theater. Die berechtigte Frage ist natürlich, ob die Kirche sich auf dieses Theater einlassen muss, oder ob sie die Leute stattdessen vergraulen und enttäuschen darf. Behutsames entgegenwirken wär vielleicht sinnvoll, aber da braucht man dann den richtigen Pastor für - und hat auch damit keine Erfolgsgarantie

Nein, mit Hochzeiten will ich eigentlich nichts mehr zu tun haben!

Viele Grüße aus Göttingen,
Arne


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