Labialklarinette

Cremona, Dienstag, 10. Juni 2025, 13:06 (vor 454 Tagen) @ MCVL

Eine Sache - rückblickend auch auf den Fall "Faurndau" - macht mich nach langer Überlegung doch etwas stutzig.
Es wird immer Eberlein und Literatur aus dem Walcker-Hausverlag zitiert... und wenn dann Ergebnisse aus der Feldforschung dazukommen, die nicht in das Weltbild passen, wird alles unternommen, dagegen vorzugehen...

Zitiert sich da womöglich jemand selbst???

Belegen kann ich es natürlich nicht, aber der Verdacht drängt sich zunehmend auf und darüber kann sich jeder selbst eine Meinung bilden.

Und warum sollte ein Heinrich Conrad Branmann (welcher nach seiner glaubhaften Aussage jahrelang bei einem Hochkaräter wie Carl Gottlieb Weigle gearbeitet hat), dessen erhaltene Orgeln das beste Zeugnis für sein hervorragendes Können darstellen, mit seiner Fachkompetenz und seiner Praxiserfahrung nicht unabhängig von irgendwelchen Vorbildern eine Labialklarinette entwickelt haben (ebenso wie Jahn es laut "Eberlein" mehrere Jahrzehnte vorher getan hat)? Vielleicht sogar mit Blick auf die "WartungsUNfreundlichkeit" der lingualen Klarinetten von Blessing und Weigle?

Natürlich könnte Branmann unabhängig von Vorbildern eine eigene Labialklarinette entwickelt haben. Das ist eine mögliche Hypothese a), daneben gibt es mindestens zwei andere denkbare Hypothesen: b) Branmann hat die Labialklarinette von Jahn übernommen, c) die Labialklarinette von Rißtissen stammte nicht von Branmann, sondern aus späterer Zeit und Branmanns Kostenanschlag beschreibt keine Labialklarinette, sondern eine liguale Klarinette.

In der Wissenschaft muss man eine Hypothese entweder zweifelsfrei beweisen (was in vielen Fällen unmöglich ist), oder zumindest alle Alternativhypothesen widerlegen, damit die These von anderen Wissenschaftlern akzeptiert wird. Tut man es nicht, muss man damit leben, dass andere Wissenschaftler andere Thesen für richtig halten.

Alternativthese b) kann man zumindest als unwahrscheinlich einstufen, weil die Labialklarinette in Rißtissen teilweise aus Metall war, die Jahn'sche Labialklarinette dagegen durchgängig aus Holz; zudem gibt es keinen Beleg für einen Aufenthalt Branmanns bei Jahn oder in Sachsen.

Bleibt noch die Alternativhypothese c). Da die Orgel von Rißtissen nachweislich in einem Register bereits verändert war, läßt sich grundsätzlich nicht ausschließen, dass die Labialklarinette nicht von Branmann stammte, zumal Rapp sie - anders als fast alle anderen Register – nicht ausdrücklich als original einstufte. Und auch die Clarinette in Branmanns Kostenanschlag belegt nicht zweifelsfrei, dass Branmann eine Labialklarinette entwickelt hatte, weil aus dem Text die labiale Natur des Registers nicht zweifelsfrei hervorgeht. Folglich kann man die Alternativhypothese c) nicht zweifelsfrei ausschließen und die ursprüngliche Hypothese a), Branmann entwickelte eine eigene Labialklarinette, kann man nicht zweifelsfrei belegen. Also muss die Suche nach Informationen, welche eine Entscheidung zwischen diesen beiden Hypothesen ermöglichen, weitergehen; bis dahin muss man damit leben, dass man die Sache so oder so sehen kann.

Was nun ihre Verschwörungstheorie betrifft „wenn dann Ergebnisse aus der Feldforschung dazukommen, die nicht in das Weltbild passen, wird alles unternommen, dagegen vorzugehen...“:
Nein, niemand geht gegen Ihre Feldforschung und ihre Ergebnisse vor. Das Problem ist: Wer etablierte, wohlbegründete wissenschaftliche Erkenntnisse durch andere ersetzen will, muss seine Erkenntnisse hieb- und stichfest beweisen, sonst wird die wissenschaftliche Welt seine Erkenntnisse nicht ernst nehmen. Und da hapert es bei Ihren Erkenntnissen manchmal noch gewaltig. Seien sie froh, dass jemand vom Fach Sie auf Schwächen Ihrer Argumentationen aufmerksam macht, so haben Sie die Chance, diese zu verbessern, bevor Sie diese in einer gedruckten Publikation verbreiten. Nichts auf der Welt ist ärgerlicher für einen Autor als Rezensionen seines Werks, die seiner Publikation gewichtige Mängel in der Argumentation oder in der handwerklichen Ausführung nachweisen, mit der Folge, dass die Wissenschaftswelt diese Publikation nicht ernst nimmt, dass das Buch nicht in Bibliotheken eingestellt und dort für Jahrzehnte und Jahrhunderte aufbewahrt wird, dass möglicherweise ein Großteil der Auflage unverkäuflich wird und zahlreiche Exemplare irgendwann eingestampft werden müssen. Aber wenn es Ihnen lieber ist, kann ich auch in Zukunft hier im Forum auf Kommentare zu Ihren Thesen verzichten – dann schreibe ich eben meine Kommentare gegebenenfalls später als öffentliche Rezension ihrer Publikation.


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