Nachkriegszeit

Orlos, Donnerstag, 21. Juli 2011, 13:02 (vor 5584 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Ja, das stimmt natürlich, die ursprüngliche "Orgelbewegung" ist älter: Albert Schweitzers Schrift "Zur Diskussion über Orgelbau" stammt schon aus dem Jahr 1914. Das, was hier kritisiert wurde, nämlich die schwachen Quintaden, kamen aber erst später auf, wenngleich sie natürlich eine Folgerung - man könnte auch sagen: eine Übertreibung der Ideen - aus der Orgelbewegung waren.
Mit dem Ausdruck "Neobarock" tue ich mich trotzdem schwer, denn die Orgeln der Nachkriegszeit waren ja nicht NUR eine Tendenz des ZURÜCK, sondern auch Ausfluss einer Zeit, die bewusst alles NEU machen wollte. Meine Großeletern haben damals herrliche alte Möbel in den Keller gestellt, z. B. einen Sekretär mit Wurzelholzintarsien als Werkzeugschrank genutzt (Gott sei Dank haben sie ihn nicht weggeworfen!), und für das Wohnzimmer schreckliche kunststoffähnliche Gebilde angeschafft. Man wollte mit der gerade so schrecklich beendeten Epoche nichts mehr zu tun haben. Das gilt für alle Bereiche: Architektur, Literatur, Musik, Theater usw.
Die heute so kritisch gesehenen neuen Ideen im Orgelbau, die Prospektgestaltung, Pfeifenmaterial und -bauformen, Disposition und Intonation betrafen, waren auch Folge dieser Geisteshaltung. Es ging hier nicht primär um ein Zurück zur Barockzeit, was das Wort "Neobarock" impliziert, sondern um etwas Neues. Der Klang sollte entsubjektiviert werden, weg vom Bombastischen, Gefühligen, Sentimentalen. Gleichzeitig war man extrem überzeugt, nun das Bessere zu tun, vor allem in technischer Hinsicht. Bei sogenannten "Restaurierungen" wurden originale Pfeifen und Trakturen weggeworfen; teils, weil sie nicht der "reinen Lehre" entsprachen, wie angeblich eine "richtige" Barockorgel gewesen sein soll, teils, weil man davon überzeugt war, es jetzt erst richtig zu können. Vielen alten Orgeln brachte diese Haltung mehr Zerstörung als Bewahrung.
Bei Neubauten allerdings setzte diese Bewegung auch viel kreativen Schwung frei. Einiges kann man heute belächeln. Wer den Eberlein liest, stößt ständig auch entspechende Formulierungen ("seit etwa 1980 nicht mehr verwendet"). Aber immerhin wurde damals noch gesucht und erfunden. Gerade habe ich das Büchlein "Klangfunktion und Registrierung" von Ernst Karl Rößler aus dem Jahr 1952 gelesen. Vieles sehen wir heute komplett anders und beim Lesen wurde es mir manchmal bang, wenn man bedenkt, wie viel Einfluss der Mann hatte und was er mit seinen Ideen angerichtet hat bei der Zerstörung romantischer Orgeln. Aber auch wenn keiner heute keiner mehr eine "überblasende Doppelrohrgemsquinte" baut, so sind doch solche Instrumente ein Zeugnis ihrer Zeit und ihrer Gedanken. Mag sein, dass dies ein Irrweg war. Aber es war nicht nur ein "Neobarock". Wenn es heute in manchen Musikhochschulen neue Orgeln im Stile Schnitgers oder Silbermanns gibt mit geschnitzten Holzprospekten und exakt imitierten Trakturen - dann ist das viel stärker "Neobarock" als die Produkte der Nachkriegszeit, oder?


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