Quintade besser als Bordun

Orlos, Donnerstag, 21. Juli 2011, 09:45 (vor 5525 Tagen) @ BourdonCéleste

Natürlich ist es aus heutiger Sicht ganz einfach, auf die Orgelbewegung einzudreschen, die ich als relativ junger Mensch nur noch in ihren Ergebnissen erleben kann, sofern diese überhaupt noch unverändert erhalten sind. In der Großstadt Wiesbaden gibt es nur noch ganz wenige Instrumente, die zwischen 1950 und 1970 erbaut wurden, die meisten wurden ersetzt oder umgebaut. Wir mussten bei einer durchaus guten Orgel von 1968 das Register "Oberton 1-3fach" geradezu retten, damit die Nachwelt solche Klänge überhaupt noch kennenlernen kann. Natürlich wäre ein normales Cornett in der Praxis sinnvoller, aber in drei anderen Orgeln sind diese Register nun schon herausgeflogen. Dabei sind sie durchaus witzig, wenn man phantasievoll und sparsam mit ihnen umgeht.
Zur Quintade: Wir haben hier zwei Klais-Orgeln aus den 1960er Jahren, die beide klanglich unverändert erhalten sind. Ich mag beide Instrumente durchaus, sie sind in sich absolut stimmig, auch wenn sie nicht dem heutigen Geschmack entsprechen. Übrigens entsprechen sie auch überhaupt nicht MEINEN klanglichen Vorlieben, trotzdem habe ich überhaupt kein Problem damit, sie als Musikinstrument und Kunstwerk anzuerkennen und zu schützen. Beide Orgeln haben im Hauptwerk eine Quintade 16' bzw. einen Pommer 16'. Diese Register weisen die typische Quintatönfärbung auf. Sie sind wenig grundtönig, nach meinem Empfinden sogar weniger grundtönig als diejenigen Quintatön 16', die ich bei historischen Orgeln in Thüringen und Norddeutschland erlebt habe. Aber sie passen hervorragend in das klangliche Konzept der 60er Jahre, welches mit hohen Mixturen einen sehr klaren, transparenten, "objektiven" Klang erzeugen wollte. Die Quintaden mischen sich im Hauptwerk, dessen Mixtur keinen 16'-Oberton aufweist, gut mit den anderen Registern und geben dem Plenum ein wenig Gravität, ohne dass der Klang undeutlicher werden würde. Ein dicker Bordun 16' würde dieses Klangbild zerstören. Beide Klais-Orgeln stehen in Kirchenräumen, die mit dieser Art Orgel akustisch gut umgehen, die Instrumente klingen hier wirklich völlig überzeugend, wenn man nicht gerade eine Widor-Symphonie spielen will.
Meines Erachtens ist es an der Zeit, einige wirklich gute Instrumente aus dieser Epoche zu erhalten und zu schützen. Natürlich gab es viele schlechte Orgeln aus diesen Jahren, gar keine Frage. Aber so wie wir uns heute darüber aufregen, dass in der Nachkriegszeit wunderschöne romantische Instrumente zerstört worden sind, verfahren wir doch heute mit den Orgeln aus den Folgejahren. Aber auch aus dieser Zeit gibt es gelungene, durchdachte, wegweisende Instrumente, die ein Zeugnis einer Epoche geben: klanglich, technisch, architektonisch und weltanschaulich. Wenn sie technisch so gut gemacht sind wie unsere beiden Klais-Orgeln und ihre Funktion in der Liturgie einwandfrei erfüllen, warum sollte man sie nicht erhalten und als klingendes Dokument bewahren?
Übrigens sind beide Orgeln sehr viel weniger störanfällig (mechanische Spiel-, elektrische Registertraktur) als viele Orgeln, die später gebaut wurden und uns derzeit viel Nerven kosten. Wenn ich an die Klais-Orgeln gehe, kann ich mich immer darauf verlassen, dass sie einwandfrei funktionieren. Und wenn ich mich auf das Klangbild einlasse, habe ich hier auch durchaus beglückende Momente. Der Klang mag nicht "historisch korrekt" sein im Sinne der Entstehungszeit der Werke, aber Bach auf einer derzeit modernen Orgel mit pseudo-französischen Zungen, tiefliegenden Mixturen und überblasenden Flöten zu spielen, ist akustisch auch nicht immer befriedigend. Ganz nebenbei: Man kann auf diesen Klais-Orgeln phantastisch üben, weil alles sehr klar und deutlich wiedergegeben wird. Auch Mendelssohn, Rheinberger, Reger etc. übe ich lieber hier als auf einer neoromantischen Säuselkiste...


gesamter Thread:

 

powered by my little forum