Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)
Bei dem Geschwafel mit der liturgischen Achse kriege ich die Krise. Da werden willkürlich Kunstwerke hindrapiert und genauso willkürlich andere Kunstwerke (ebenfalls sehr hohen Ranges) weggelassen, was hier im Forum
immer totgeschwiegen wird), und dann irgendetwas behauptet. Es ist gar nicht gesichert, ob die Bernwardstürenf für den Dom geschaffen wurden. Unklar, ob es im Dom früher ein Westportal gab oder nicht etwa, wie damals üblich, eine Vorhalle. Und wenn ihr sacrosanctum concilium ernst nehmt, dann muss der Tisch des Wortes dem Tisch des Brotes korespondieren. Ist nicht erkennbar. Die aus der Achse gerückte Kathedra liesse sich theologisch hinterfragen (ja, ich weiss, eine
seitliche Position ist erlaubt).
Dass mit wieder sichtbaren Rosenstock in der Sichtachse finde ich unglaublich dreist.
Entweder hast Du keine Ahnung oder willst sie nicht haben. Der Rosenstock war aus dem
Längsschiff nicht zu sehen: Gegen die Vierung wurde es durch den Renaissancelettner abgeschlossen. Als der 1942 ausgebaut und eingelagert wurde, konnte man den Rosenstock immer noch nicht sehen, weil der barocke Hochaltar in der Apsis stand. Kann man nachlesen: Drr Hildesheimer Dom, Wiederaufbau, Aufsatz Heise, 124ff. Tolle Bilder.
Erhellende Bilder in dem Buch: 1953 ist das untere Geschoss des Lettners wieder im Dom aufgestellt.
Wahnsinnsbilder. Auf den Kanzelkorb des Lettners gehört übrigens der
Bronzeadler (Hohlguss 14. Jhd.), der jetzt als Lesepult verwendet wird. Dass ist nicht die irsprungliche Position.
Und wäre er wieder am Lettner, wäre er in der liturgischen Achse, also im ursprünglichen Aufbau...
Ein Problem ist, daß wir heute solche Kirchen völlig anders nutzen, als dies früher der Fall war. Schon das Tridentinum hat einen massiven Einschnitt in die Liturgie und die Raumnutzung gebracht:
Für die mittelalterliche Gesellschaft war die korporative Gliederung eines Gemeinwesens ungemein wichtig. Die Mitgliedschaft in Zünften und Sippen sicherte dem Individuum die Existenz. Diese Solidarität reichte über den Tod hinaus: Zünfte und Sippen sicherten ihren verstorbenen Mitgliedern das Totengebet. Dazu errichteten diese Körperschaften in den Kirchen ihre zahlreichen Altäre und bezahlten einen eigenen Priester, welcher täglich am Sippen- oder Zunfaltar eine Messe für die lebenden und verstorbenen Mitglieder zu lesen hatte. In der Apsis versammelte sich ein Klerikerkapitel, welches als eigene Körperschaft dort residierte und seinen Bereich durch einen Lettner abgrenzte. Der Lettner war vor allem eine soziale und keine liturgische Schranke, denn Altäre gab es im Schiff zahlreich. Manchmal verwendete man den Lettner noch als Kanzel, was aber nicht zwingend war.
Die Messe des Kapitels hinter dem Lettner ging die Leute im Schiff nichts an. Die hatten dort ihre eigenen gruppenspezifischen Kultorte. Dazu kamen noch diverse "heiligere" Orte mit Gnadenbildern oder Reliquien.
Allerdings gab es dann noch Menschen, die keine solchen Privilegien hatten, die nirgendwo dazugehörten. Und für die war der (meistens so genannte) Kreuzaltar vor dem Lettner in der Mittelachse mit einem Leutpriester zuständig. Alle diese Messen konnten durchaus gleichzeitig stattfinden und sich auch akustisch überschneiden. Es gab keine Bänke. Jede Gruppe versammelte sich vor ihrem Altar. Zuweilen gab es Prozessionen innerhalb der Kirche, zb. wenn das Kapitel zum Salve Regina zu einer verehrten Marienstatue ins Schiff zog.
Natürlich hatten diese Kirchen schon aufgrund des basilikalen Stiles eine Achse. Aber ich sehe sie eher architektonisch, denn liturgisch verwendet.
Eine mittelalterliche Großkirche war eher eine Ansammlung vieler Kapellen unter einem Dach, denn ein gemeindeumfassender Raum, wie wir es heute kennen. Eine mittelalterliche Kirche war wie eine Stadt: Quirlig und mit vielen gleichzeitigen Aktivitäten. Und neben dem Sakralen konnte auch Profanes darin abgehandelt werden.
Das Tridentinum brachte hier eine einschneidende Reform. Man stärkte (nicht zuletzt der Disziplin halber) den Gemeindegedanken. Daher mußten all diese Sondergruppen als Messgruppen verschwinden. Man richtete die gesamte Gemeinde nun auf den Hochaltar aus - der nicht zuletzt deshalb im Barock derart gigantisch emporwuchs. Hier zelebrierte man nun die Messe für alle. Und aus diesem Grund wurden die meisten Lettner abgetragen. Die Nebenaltäre blieben erhalten, aber nicht mehr für Gruppenmessen, sondern für Privatmessen der Priester, die hier vielleicht immer noch, aber mit schwindendendem Umfang die alten Messintentionen der Stifter bedienten. Das trocknete langsam aus und die Seitenaltäre wurden reine Zelebrationsaltäre für "überschüssige" Kleriker, an denen die Gemeinde nicht mehr teilnahm. Dies deshalb, weil die Konzelebration nicht üblich war. Mit der Einführung der Konzelebration in den 1960ern wurden diese Nebenaltäre dann völlig funktionslos.
Auch das Kirchenschiff erfuhr eine Änderung: Ausgehend vom predigtbegeisterten Protestantismus entstanden Gestühle, damit eben die langen Predigten aufmerksam gehört werden konnten. Herumgehen war nun nicht mehr gefragt. Der gegenreformatorische Katholizismus setzte sehr schnell ebenfalls auf Predigt und Disziplin - und so füllte sich auch hier das Schiff mit Bänken. Die Großkirche als eine begehbare Sakrallandschaft war praktisch vergangen.
Auf diesem Hintergrund sollte man eben zugeben, daß es heute eine liturgische Achse noch viel weniger gibt: Die Achse wird allenfalls bei Prachtsein- und -auszügen genutzt. Der liturgische Ort ist ansonsten praktisch ausschließlich die klerikal besetzte Apsis. Prozessionen innerhalb der Kirche zu besonders heiligen Orten gibt es kaum noch.
Zu was die Irmensäule einstens genutzt wurde, weiß ich nicht. Heute wird sie sicher nur noch museal verwendet. Wie "nutzt" man den Heziloleuchter "liturgisch"? Ich vermute, daß er nur noch museal herumhängt. Wer wird schon wagen, dieses wertvolle Ding noch mit Kerzen zu versehen und zu bekleckern? Oder gar in der Osternacht anschubsen, damit das flackernde Licht die goldenen Heiligenscheine der zahlreichen Heiligenbilder (inzwischen sowieso nicht mehr vorhanden) zum Leben erweckt?
Insofern sind gerade heute diese ganzen Sprechweisen von liturgischen Achsen Euphemismen. Auf der Achse steht gerade noch der Altar. In der Antike, nicht aber im Mittelalter, gab es Ambonen, die in der Mittelachse standen. Das verschwand schon deshalb, weil es ja dann irgendwann zur Verlesung von Epistel und Evangelium auf verschiedenen Seiten kam: Epistel- und Evangelienseite. Im tridentinischen Ritus las man das Evangelium nach Norden gerichtet. Also wieder nichts mit "Achse".
Heute steht der Ambo praktisch immer auf der Seite. Und wenn dann auch noch die Kathedra oder die Sedilien seitlich stehen - ja wo soll dann noch eine liturgische Achse sein?
Eine wirklich erfahrbare liturgische Achse gibt es noch in de byzantinischen Liturgie: Dort findet alles Relevante auf dieser Achse statt und die Richtungen Ost und West werden deutlich eingehalten: Priester und Gemeinde beten gemeinsam nach Osten, die dialogischen Teile erfordern ein Umdrehen und Herausgehen des Priesters in westliche Richtung und auf die Gemeinde zu durch die Ikonostase hindurch. Hier hat die Schranke einen liturgischen Sinn, denn es gibt keine weiteren Altäre. Die Epistel wird vom Lektor in der Mittelachse inmitten der Gemeinde nach Osten gerichtet verlesen. Es ist der Platz des antiken Ambos.
Der Priester verliest das Evangelium wieder auf der Mittelachse auf der Stufe vor der Ikonostasentüre nach Westen gerichtet. Und die Kommunion wird ebenfalls auf der Mittelachse gespendet.
Die Taufe findet entweder in der Vorhalle (Westen) oder ganz hinten in der Kirche statt. Danach wird der Täufling vom Priester in die Gemeinde eingeführt (oder als Kind getragen). Auch dies auf der Mittelachse. Und da die Kirchen nach wie vor geostet sind, scheint bei der Morgenmesse das Licht der aufgehenden Sonne auf den Altar und am Vorabend in der Vesper beleuchtet die untergehende Sonne den Altar von Westen. Gewöhnlich stimmt die Richtung einmal im Jahr genau: am Patroziniumstag.
Überhaupt liegt der eigentliche Sinn der "liturgischen Achse" in der Ost-West-Anthithese, also in der liturgischen Nutzung und symbolischen "Aufladung" des Sonnenlaufs, begründet. Nur dieser erzwingt die Entstehung einer liturgischen Achse.
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Holger Friedrich,
18.08.2014, 00:08
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perotin,
18.08.2014, 00:24
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Wolfgang Gourgé,
18.08.2014, 02:57
- Einweihung Hildesheim -
Holger Friedrich,
18.08.2014, 04:24
- Einweihung Hildesheim - MAT, 19.08.2014, 07:46
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Friedrich,
19.08.2014, 09:21
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Seraphonium,
19.08.2014, 19:52
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Große Pfeife,
19.08.2014, 21:25
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Hausorgler,
21.08.2014, 00:14
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- Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim) - ado, 21.08.2014, 12:21
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Hausorgler,
21.08.2014, 00:14
- Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim) - Friedrich, 19.08.2014, 22:34
- Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim) - Wolfgang Gourgé, 19.08.2014, 22:36
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Große Pfeife,
19.08.2014, 21:25
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Wolfgang Gourgé,
19.08.2014, 21:58
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ado,
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Friedrich,
21.08.2014, 00:58
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- Nachtrag zu Hildesheim... - war: Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim) - Wolfgang Gourgé, 26.08.2014, 00:12
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Holger Friedrich,
18.08.2014, 04:24
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18.08.2014, 00:24