Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)

JRorgel @, Dienstag, 19. August 2014, 11:07 (vor 4464 Tagen) @ Friedrich

… Ich werd's mir wahrscheinlich noch im August selbst anhören.


Dann bin ich mal gespannt.

Aber zu diesem kalten, harten In-Reih-und-Glied-Prospekt fällt mir einstweilen wirklich nichts anderes ein als: postmoderner Fascho-Kitsch.

Ich will dem Architekten da nichts unterstellen – außer dass er es offenbar nicht für nötig hielt, sich die Zeit zu nehmen, das Musikinstrument Orgel als musikalisch-architektonischen Funktionszusammenhang zu verstehen. Wie es eben Leute wie Joseph von Glatter-Götz, Fritz Leweke, Josef Schäfer und Jakob Schmidt taten.

Man sieht aber auch keine einzige musikalische Funktion in irgendeinem architektonischen Glied. Die gestaffelten Pfeifenflächen spielen Kulissenschieben und verzerren die Perspektive. Deswegen gibt die Gestaltung auch keinen Sinn für ein maßstäbliches Groß-Klein an die Hand, wie es einem Ding angemessen wäre, das in solchen Verhältnissen funktioniert – dem Musikinstrument Orgel nämlich, mehr als jedem anderen.

Wo hier der Mensch Platz hat, der das Ding spielen soll, wird von der Gestaltung komplett verschleiert, es ist ein menschenloses, unmenschliches Ding – »die Orgel spielt«, und die hier spielt Lieder von vor siebzig Jahren. Die Maßstäblichkeit und Menschlichkeit, die hier fehlen, sind wichtige Elemente der Reformbewegungen zurück zur in sich geschlossenen, mechanisch traktierten Orgel mit Spielschrank. Nicht so hier.

Das ist kein Musikinstrument, das ist ein Wandbehang in Albert Speers Musikzimmer. Dagegen ist die Speyer Fassade, in all ihrer musikalischen Ignoranz, direkt elegant.

Meint ganz im Ernst
Friedrich

Du sprichst mir aus der Seele. Ich verstehe nicht, warum der Trend immer mehr zu "sowas" geht. Gegen diesen "Prospekt" sehen Speyer und Regensburg (ja, Regensburg!) ja direkt schön aus! Ich frage mich, was der Architekt des Prospektes sich dabei gedacht hat, in einem (sehr neo-)romanischen Raum, der ja eigentlich von Rundungen (Rundbögen etc.) dominiert ist, dann so einen Würfel hinzusetzen. Das gehört ja fast verboten!!
Ich weiß nicht, ob ihr Lüneburg, St. Johannis, die neue Orgel von Kuhn kennt. Das ist auch so ein Würfel, wobei der im Raum nicht so überdominant wirkt.
Ich stimme dir da total zu, dass diese "Orgel" in Hildesheim eher aussieht wie eine, die im Auftrag von Goebbels in den HJ-Heimen gebaut wurde! Ich bin mir sicher,
es gibt den einen oder anderen älteren Semesters, der das erkennen würde.
Warum baut man das so?

Denkt ganz ehrlich
JRorgel

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"Orgelspielen heißt, einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren." (Charles-Marie Widor)


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