Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim)
Danke erstmal der Großen Pfeife, dass sie für meine Polemik in die Bresche gesprungen ist.
zunächst mal: Was konnten die Orgeln der 30er/40er Jahre dafür dass Sie genau in der Zeit des Nationalsozialismus entworfen wurden? Würden Orgeln der 70er nicht genauso beschimpft werden wenn zu DIESER Zeit die NS Zeit gewesen wäre? Diese Aussagen finde ich daher einfach nur dumm.
Das sei dahingestellt – aber es war natürlich eine Verkürzung. Das Zusammenfallen von Baustilen mit bestimmten epochalen politischen Prägungen ist nie zufällig. Architektur ist öffentliche, politische Kunst, sie prägt das Zusammenleben aller Menschen, die ihr ja nun mal nicht aus dem Weg gehen können, sobald sie einmal da ist.
Dass die Nazis und andere totalitäre Regime einen etwas leeren, dafür monumentalisierten Klassizismus vorzogen, hat damit zu tun, dass sie jeden einschüchtern wollten, der sich dieser Architektur aussetzte. Das sollte alles strenger und größer sein als die Erfahrung des kleinen Volksgenossen, und es sollte militärische Ordnung ausstrahlen. Sockel, Säulen, Simse, riesige Plätze, Massentheater bigger than life.
Dieser Prospekt zitiert die Parteitagsmoderne geradezu erschreckend exakt. Strenge Dimensionen, scharfe und harte Kanten, kulissenartige Staffelung, Großes, das dem Blick durch weniger Großes entzogen wird und dadurch eher größer wirkt, eine Gesamtform, die schwer zu erfassen und einzuordnen ist, hier auch dank der inszenierten umgekehrten Perspektive (das Kleinere schiebt sich diagonal nach vorne). So erzeugt man kalkuliert Erhabenheit. Und diese Funktion scheint absolut im Vordergrund zu stehen, denn instrumentenbauliche, nachvollziehbar musikalische Kriterien scheinen keine Rolle gespielt zu haben – siehe mein erstes Posting. Kein Platz für den Musiker hier, gebaute Kälte. »Die Orgel spielt.«
Ich finde es verfehlt,
a) solche Formen in einer Kirche zu errichten, denn sie wirken abweisend und einschüchternd (was sie vor siebzig, achtzig Jahren auch sollten – warum heute???),
b) solche Formen auf eine Orgel anzuwenden, die als Musikinstrument mit nachvollziehbarer Struktur zahllose interessantere Gestaltungsmöglichkeiten geboten hätte.
Dass ich dabei von kastiger Biederkeit oder Neodies-Neodas nix halte, habe ich hier ja wohl oft genug deutlich gemacht. Aber interessante Architektur arbeitet sich immer in der Spannung zwischen gestalteter Form und funktionaler Einschränkung ab. Das hier ist uninteressant, es ist eine bloße Maske. Dafür aber ganz schön aufwendig, ganz schön teuer und ganz schön hässlich.
Um meine schöne Polemik ganz kaputtzuerklären:
Natürlich ist das keine »Naziorgel«. Aber es ist ein unschönes Designobjekt, das blind ist gegenüber seiner Funktion und der Geschichte, die architektonische Formen nun mal mit sich herumschleppen. Es ist laut und unbedarft. Es sollte dort nicht sein.
Viele Grüße
Friedrich
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Holger Friedrich,
18.08.2014, 00:08
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perotin,
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Wolfgang Gourgé,
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Holger Friedrich,
18.08.2014, 04:24
- Einweihung Hildesheim - MAT, 19.08.2014, 07:46
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Friedrich,
19.08.2014, 09:21
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Seraphonium,
19.08.2014, 19:52
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Große Pfeife,
19.08.2014, 21:25
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Hausorgler,
21.08.2014, 00:14
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- Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim) - ado, 21.08.2014, 12:21
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Hausorgler,
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- Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim) - Friedrich, 19.08.2014, 22:34
- Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim) - Wolfgang Gourgé, 19.08.2014, 22:36
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Große Pfeife,
19.08.2014, 21:25
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Wolfgang Gourgé,
19.08.2014, 21:58
- Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim) - MAT, 20.08.2014, 08:38
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ado,
20.08.2014, 10:34
- Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim) - Wolfgang Gourgé, 20.08.2014, 12:51
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Friedrich,
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- Nachtrag zu Hildesheim... - war: Achtung, ätzend (war: Einweihung Hildesheim) - Wolfgang Gourgé, 26.08.2014, 00:12
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Holger Friedrich,
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perotin,
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