Neue Orgel für Wiesbaden, St. Bonifatius

stein @, Dienstag, 16. September 2025, 07:36 (vor 354 Tagen) @ VoxCoelestis

Danke für Ihre Sicht der Dinge! Näher dran sind Sie allzumal als vermutlich die meisten hier Kommentierenden. Selbst melde ich mich auch aus den vermeintlich anonymen Weiten des Netzes und gebe nur meinen Eindruck wieder, von dem einige Aspekte schon genannte wurden:

St. Bonifatius hat eine enorme Akustik mit 8-9 Sekunden Nachhall, wenn ich mich richtig erinnere. Wenn transparente Klänge überhaupt transportiert werden können, halte ich die obertonreiche Disposition des aktuellen Instruments die prinzipiell nicht so verkehrt, zumal die frontale Aufstellung über die gesamte Breite der Transparenz sicherlich auch nicht abträglich ist.

Nach meinem Hörempfinden vor Ort hielt ich das Instrument nicht per se für ungeeignet an diesem Platz. Sicherlich: es ist ein Kind seiner Zeit, aber - nochmals darauf zurückzukommen - der große Raum trägt auch sein Übriges zur Veredelung dieser Klänge bei. Denn so viel Ehrlichkeit muss auch sein: in einer Konzertsaal-Akustik würde man sich mit diesem Klang vermutlich nicht zufrieden geben.

Und zwei etwas böse Argumente, die sich mir beim Lesen der Ankündigung schlicht und einfach aufgedrängt haben (dafür bitte ich schon im Vorhinein um Entschuldigung, weil es etwas von Moralkeule hat):

Würden „wir“ als Kirche nicht gut daran tun, uns um Nachhaltigkeit zu bemühen? Sicherlich wird das derzeit in der Pfarrei und den entsprechenden Gremien gemacht. Aber das würde auch heißen, dass die vor ca. 50 Jahren getroffene Entscheidung nicht diesem Anspruch genügt. Sicherlich war auch damals ein Ansinnen, ein Instrument „für die Ewigkeit“ bauen zu wollen. Spannend finde ich derzeit Projekte, die den alten Bestand und vermeintlich in die Jahre gekommenen Orgelanlagen mit hohem Respekt behandeln und eben NICHT alles über Bord werfen, sondern nicht selten große Teile oder sogar komplette Werke „nur“ überholen und weitestgehend unverändert lassen. Umso herausfordernder ist es oft, zum Bestand passende Erweiterungen zu finden, zu bauen und zu formen, die letztendlich mit dem Vorhandenen ein Ganzes bilden.

Und nicht zuletzt: auch als musik- und orgelbegeistertes Kirchenmitglied halte ich die Rechtfertigungsthematik für ein Instrument für über 3 Millionen Euro für nicht überholt. Sicherlich: zum Lobe des Allerhöchsten und (siehe oben) ein Werk die Ewigkeit. Eine Stadt wie Wiesbaden wird sich das leisten können. Zum großen Teil sicherlich sich aus eigenen Kräften - die kirchlichen Zuschüsse wurden für solche Projekte in den vergangenen Jahren auch nicht größer. Und trotzdem - so moralinsauer das klingt - denke ich (um jetzt gar nicht weit zu gehen) an eine eigentlich lebendige Gemeinden im Bistum Limburg, die ihre mittelgroße Orgel aus den 70ern dringend müsste und die knapp 500 Tsd. Euro eben NICHT aufbringen kann - sicherlich auch, weil die nötigen Geldgeber in der strukturschwachen Region im Gegensatz zu Wiesbaden nur rar gesäht sind. Bevor sich irgendjemand Gedanken macht: es handelt sich hierbei um ein konstruiertes Beispiel. Aber wie wäre es mit einer Sammlung in Wiesbaden für ein Orgelprojekt im Hintertaunus?

Nachhaltigkeit wird gegeben sein, wenn die alte Orgel wo anders ihren Dienst tut.
40 Jahre ist ja auch nicht nichts.
Wenn man sich im Hintertaunus anstrengt, wird man es dort sicherlich schaffen. Zwar nicht morgen und nicht mit Klais und nicht mit freifahrenden Spieltisch auf der Überholspur, aber aus eigener Anstrengung. Das gibt der Sache eine ganz besondere Note.


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