Neue Orgel für Wiesbaden, St. Bonifatius

Orlos @, Montag, 15. September 2025, 15:55 (vor 355 Tagen) @ MAT

Heute baut man anders. Man baut aber auch anders als zu Schnitgers Zeiten, niemand käme auf die Idee, dessen Orgeln als überholt zu betrachten. Im Gegenteil, es werden allenthalben Stilkopien gebaut. Wer weiß, vielleicht baut man in 50 oder 100 Jahren wieder so wie 1980. Also, für mich gibt es keine überholten Orgeln, es sei denn, man meint es ironisch. Die größte Gefahr droht Orgeln (auch den gelungenen) nicht durch Schimmel, nicht durch Heizung, nicht durch Klerus oder Gemeinde, sondern immer schon durch die, die sie spielen. ;-)

Ich glaube, wir liegen gar nicht weit voneinander weg. Man kann schon sagen, dass es "Moden" gibt. In den letzten Jahren einerseits die historischen Neubauten oder Rekonstruktionen, die sich längst nicht mehr nur auf Barockorgeln beschränken, sondern mittlerweile auch die Rekonstruktion pneumatischer Orgeln betrifft (siehe etwa hier). Andererseits die "normalen" Neubauten, die in den letzten Jahren deutlich "romantischer" geworden sind. Orgeln aus der Nachkriegszeit gibt es kaum noch, jedenfalls größere Instrumente, oder sie sind einschneidend umgebaut worden. Nun geht es den Instrumenten aus den späten 1970er- und aus den 1980er-Jahren an den Kragen, also den Instrumenten, mit denen viele von uns aufgewachsen sind, an denen wir Unterricht hatten und nun Gottesdienste spielen. Viele Orgeln bekommen nun technische Probleme (Schleifenzugmotoren!), die Elektrik gilt als veraltet. Die Windladen und Trakturen sind meistens völlig in Ordnung. Klanglich "fehlen" uns die Streicher, die Schwebung, die Soloflöten, die Oboe, eine Trompete im Schwellwerk, ein 16' im Hauptwerk. Generell sind die Zungen in solchen Orgeln weniger stilecht als heute, das wird auch der Mayer-Orgel in St. Bonifatius angekreidet. Das war ja auch damals gar nicht das Ziel: stilechte Orgeln zu bauen. Die Universalorgel sah sich als ein eigenständiges Instrument, auf dem fast alles spielbar war.
Die Orgel in St. Bonifatius ist insofern "überholt", als sie heutigen Ansprüchen nicht gerecht wird, wenn man sie mit einem luxuriösen Neubau vergleicht. Ich denke da auch an die Manualumfänge (nur bis g3), fehlende Register (es gibt kein Cornet, keine Soloflöte, keine Voix humaine, die Oboe steht im "falschen" Werk, keine Gambe im Hauptwerk, keine Clarinette). Gabriel Dessauer ist es trotzdem gelungen, auf dieser Orgel sehr viel unterschiedliche Musik gut darzustellen, wenngleich nicht so authentisch wie an einer Stil-Orgel.
Wie gesagt: Es wäre kein Problem gewesen, etwa 10 Register über dem Hauptwerk in den Leerraum unterzubringen, elektrisch angespielt (floating). Aber man hätte trotzdem noch die anderen "Defizite" gehabt.
Der Vorteil der Mayer-Orgel ist die große Abstrahlfläche der Manualwerke, die alle nebeneinander auf einer Höhe liegen mit dem Positiv in der Mitte. Ob bei der jetzt nach hinten gestaffelten seitlichen Anordnung die Werke auch so präsent in der Kirche klingen, wird sich herausstellen. Eine Fehlplanung der Mayer-Orgel ist das hinterständige Pedal, das nur Brei erzeugt. Dessauer hat bei barocker Musik ein Manualwerk als "Kleinpedal" missbraucht, um dem Pedal die notwendige Präsenz zu geben.
Sollte die Klais-Orgel wie geplant gebaut werden, wird einiges besser klingen als jetzt. Aber es wird auch Klänge geben, die man vermissen wird. Die Orgel hat auch für den Chor eine Rückwand gebildet, damit dieser nach vorne klingen kann. Wenn bis zur Rosette nun Leerraum vorhanden ist, wird der Chor anders klingen.


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