Ruben Sturm - München Mariendom

jens79, Mittwoch, 12. März 2025, 17:46 (vor 547 Tagen) @ Wolfgang Gourgé
bearbeitet von jens79, Mittwoch, 12. März 2025, 17:55

....die Diskussion wird niemals enden, weil es jenseits der Stilfragen ja noch weitere Kategorien gibt - davon vieles zwischen (Noten-)Zeilen, kaum objektivierbar oder in Worten ausdrückbar -, das das jeweilige Gesamtbild formt. Zudem ist jede Musik, ist sie erstmal "in der Welt", in einem unaufhörlichen hermeneutischen Prozess, der ihre Wahrnehmung immer wieder neu konditioniert.

Klar liegst Du mit Deiner Aussage zu Dupré im Grunde richtig. Andererseits: die schnurgerade Stringenz, mit der er hier BWV 542 spielt, ist im Hinblick auf Instrument und Akustik durchaus stimmig - und technisch bewundernswert souverän. Schnitte wird es hier nicht geben, jeder Verspieler, sofern ihn die bescheidene Aufnahmetechnik nicht zudeckt, bleibt hörbar.

Virgil Fox hatte für die "Historiker" nicht viel übrig außer beißendem Spott. Aber seine "Nun danket alle Gott"-Transkription? Wer die nicht mag, muss unmusikalisch oder taub sein.

Karl Richter, oft diskutiert, mochte die HIP auch nicht. Aber die Passacaglia, von ihm 1980 in NDdP gespielt: eine Himmelsleiter, mit jeder Variation steigt er höher, für mich unerreicht - ich kenne keine andere Interpretation, die mich derartig "packt". An den leisen Stellen hätte man eine Stecknadel fallen gehört. Das muss man erstmal nachmachen in einer vollbesetzten Kathedrale - und das war schon der "alte", von Krankheit gezeichnete Richter, der seine beste Zeit eigentlich schon hinter sich hatte (wirklich?....) - hier aber vorführt, welche Tiefendimension sein Spiel haben konnte.

Es gibt irgendwo einen Punkt, an dem die Persönlichkeit des/der Interpreten/Interpretin, sein oder ihr Charisma und der damit verbundene starke individuelle Einschlag, die er oder sie der Musik gibt, die Stilfragen in den Hintergrund drängt, sie (mit Recht) unwichtig erscheinen lässt (so wie es bei Schauspielern ja auch die "Bühnenpräsenz" gibt, die dann vom Kostüm bis zum Bühnenbild alles Drumherum vergessen lässt). Wer käme allen Ernstes auf die Idee, bei einer solchen Punktlandung die Wahl des modernen Allround-Instruments, seine gleichstufige Temperierung, den Einsatz des Pedals oder die Nichtverwendung historischer Fingersätze zu kritisieren?

Lange Überlegung, kurzer Sinn: für mich kann man Bach historisierend wie "unhistorisierend" spielen, beides kann überzeugend oder nicht überzeugend sein, alleine in "Stilreinheit" findet man den Schlüssel nicht. Welche Version seines BWV 548 würde Bach wohl besser gefallen - diese oder diese? Fällt es schwer, das zu beantworten?


So ist es.
Man muss "Diener.... nicht des Buchstabens, sondern des Geistes [sein]. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig."

Außerdem ist jede Interpretation eines Musikstückes immer ein Spiegelbild der jeweiligen Zeit. Das sieht man schon allein daran, wie sehr sich die jeweiligen HIP Aufnahmen der letzten 50 Jahre unterscheiden und in 20 oder 50 Jahren werden sie wieder anders sein, abgesehen von allen individuellen Eigenheiten der Spieler, die noch hinzukommen Anders kann es doch gar nicht sein.


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