ewige Fragen, war: Ruben Sturm - München Mariendom

Wolfgang Gourgé @, Mittwoch, 12. März 2025, 17:27 (vor 548 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Mittwoch, 12. März 2025, 17:51

Ein "romantischer Bach" ist mir allemal lieber als irgendein Staccato-Gehacke, um dann auch noch zu glauben das wäre "HIP".


Hier liegt spürbar eine Verletzung vor, ausgeführt durch eine oder mehrere Personen, die mit dem Mittel der Artikulation nicht umgehen konnte(n). Interessant wäre jetzt, ob diese Person(en) sich selbst aber HIP-spielend empfanden, oder sie sich nur auf einen HIP-Lehrer berufen haben.
Letzteres war vor 20, 30 Jahren besonders oft zu finden:
Meisterkurs besucht, die Sache aber nicht richtig verstanden oder doch nur passiv teilgenommen ohne Feedback des Meisters, dann aber in der Heimat mutig und selbstbewusst das Missverständnis in Orgelspiel gegossen, eventuell geäußerte Hörerkritik mit Verweis auf den Meister abgebügelt.

Ich vertrete aber die Überzeugung, dass artijuliertes Spiel definitiv HIP ist, und für Bach die Dupré-"Artikulation" (das nahezu ununterbrochene Legato, gewissermaßen eine Vokalise anstelle von textiertem Gesang) eine Katastrophe darstellt, deren Wirkung nur deshalb stark gemindert wird, weil - wie von Vorrednern erneut festgestellt - Bach nahezu alles an Misshandlung aushält.

Aber vielleicht sind wir da ohnehin einer Meinung und ich habe es falsch verstanden.

Ich sehe gerade, dieser Dialog wiederholt sich!

....die Diskussion wird niemals enden, weil es jenseits der Stilfragen ja noch weitere Kategorien gibt - davon vieles zwischen (Noten-)Zeilen, kaum objektivierbar oder in Worten ausdrückbar -, das das jeweilige Gesamtbild formt. Zudem ist jede Musik, ist sie erstmal "in der Welt", in einem unaufhörlichen hermeneutischen Prozess, der ihre Wahrnehmung immer wieder neu konditioniert.

Klar liegst Du mit Deiner Aussage zu Dupré im Grunde richtig. Andererseits: die schnurgerade Stringenz, mit der er hier BWV 542 spielt, ist im Hinblick auf Instrument und Akustik durchaus stimmig - und technisch bewundernswert souverän. Schnitte wird es hier nicht geben, jeder Verspieler, sofern ihn die bescheidene Aufnahmetechnik nicht zudeckt, bleibt hörbar.

Virgil Fox hatte für die "Historiker" nicht viel übrig außer beißendem Spott. Aber seine "Nun danket alle Gott"-Transkription? Wer die nicht mag, muss unmusikalisch oder taub sein.

Karl Richter, oft diskutiert, mochte die HIP auch nicht. Aber die Passacaglia, von ihm 1980 in NDdP gespielt: eine Himmelsleiter, mit jeder Variation steigt er höher, für mich unerreicht - ich kenne keine andere Interpretation, die mich derartig "packt". An den leisen Stellen hätte man eine Stecknadel fallen gehört. Das muss man erstmal nachmachen in einer vollbesetzten Kathedrale - und das war schon der "alte", von Krankheit gezeichnete Richter, der seine beste Zeit eigentlich schon hinter sich hatte (wirklich?....) - hier aber vorführt, welche Tiefendimension sein Spiel haben konnte.

Es gibt irgendwo einen Punkt, an dem die Persönlichkeit des/der Interpreten/Interpretin, sein oder ihr Charisma und der damit verbundene starke individuelle Einschlag, die er oder sie der Musik gibt, die Stilfragen in den Hintergrund drängt, sie (mit Recht) unwichtig erscheinen lässt (so wie es bei Schauspielern ja auch die "Bühnenpräsenz" gibt, die dann vom Kostüm bis zum Bühnenbild alles Drumherum vergessen lässt). Wer käme allen Ernstes auf die Idee, bei einer solchen Punktlandung die Wahl des modernen Allround-Instruments, seine gleichstufige Temperierung, den Einsatz des Pedals oder die Nichtverwendung historischer Fingersätze zu kritisieren?

Lange Überlegung, kurzer Sinn: für mich kann man Bach historisierend wie "unhistorisierend" spielen, beides kann überzeugend oder nicht überzeugend sein, alleine in "Stilreinheit" findet man den Schlüssel nicht. Welche Version seines BWV 548 würde Bach wohl besser gefallen - diese oder diese? Fällt es schwer, das zu beantworten?

Und um zum Namensgeber dieses Threads: Ruben Sturm, mit dem ich zusammen die OSV-Werkwochen 2007/08 besucht habe, ist ebenso wie seine Frau Kirsten ein exzellenter Musiker und für die Frauenkirche genau der Richtige.


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