Weise in Marktschellenberg

MCVL @, Samstag, 22. Februar 2025, 10:44 (vor 563 Tagen) @ Uli Skriwan

Mit Weigle hatte ich trotz Lehre im Schwäbischen bislang nur wenig Berührungspunkte (bei der Diskussion Weigle-Weise fällt mir auf, dass es hier auch Verwechslungpotential gibt - so wie Meidinger - Meisinger, Eisenschmid - Eisenbarth;-)).
Muss man sich die Weigle-Koppeln so vorstellen, wie bei Siemann? In Schönberg wirken die Koppelmembranen über Hebe-Plättchen direkt auf die Trakturdrähte ein, wenn ich mich recht erinnere. Da kommt einiges an Masse in Bewegung...

Nein, die Bauform von Weigle ist ein völlig anderes System. Das System, wie es in Schönberg vorhanden ist, geht meines Wissens auf Walcker zurück. Von Walcker wurde es seit Einführung der Pneumatik um 1892 bis in die 1930er Jahre hinein benutzt. Wenn ich mich richtig erinnere, halten in Schönberg über die ganze Länge der Koppelapparate reichende Keilbälge die Membranen bei nicht eingeschalteter Koppel. Bei Walcker sind anstelle der Membranen kleine Keilbälge vorhanden, die auf der Oberplatte gabelförmige Holzleisten besitzen, welche in die Hebe-Plättchen eingreifen. Walcker verwendet zum Fixieren der Keilbälge Flacheisen-Profile, welche auf der einen Seite in einer Führung laufen, auf der anderen Seite über einen Draht von einem größeren, am Einschaltapparat, welcher am Spieltischwindkanal angebracht ist, montierten Keilbalg etwas in die Höhe gezogen wird.

Das Weigle-Koppelsystem möchte ich anhand dieser Funktionsskizze aus der seinerzeitigen Patentschrift vorstellen (die einzelnen Bestandteile sind darauf aber sehr vereinfacht dargestellt):

[image]

Oben ist der Manual-Spielapparat erkennbar, man muß ihn sich vorstellen, wie die Ausführung von Markt Schellenberg, nur daß die Ventile in einem Windkasten liegen.

Die oberste Koppel ist die Manualkoppel II-I. Die Koppelapparate bei Weigle bestehen aus verschiedenen "Schichten". Zuerst ist ein Deckel abzunehmen, welcher auf der Zeichnung auch erkennbar ist und in welchen auf der Innenseite eine Kammer eingefräst ist. Dann folgt eine Art Rahmen, der mit einer ausgebauchten, über die ganze Länge des Koppelapparats reichenden Membrane bespannt ist, die aus starkem Schafleder besteht. In diese Membrane sind in derselben Teilung, wie die Ventile im Spielapparat angeordnet sind, Stecher aus Messingdraht eingearbeitet, welche in der Membrane beidseitig durch Muttern aus Sohlleder fixiert sind. Als nächste "Schicht" folgt ein massiver Block (gewöhnlich aus Eiche), der die Stecher führt. In diesen Block sind Bohrungen (ebenfalls in der Teilung der Spielventile) angebracht, in welchen sich Celluloidführungen für die Stecher befinden. Die Innenseite dieses Blocks ist vollständig beledert. Danach folgt quasi der "Kern" des Koppelapparats, welcher ebenfalls aus einem massiven Holzblock gearbeitet ist. Wiederum in der Teilung der Spielventile sind in diesen "Kern" Kanzellen eingearbeitet, die in horizontaler Richtung verlaufen und welche oben von den Spielventilen abgeschlossen sind. In diesen Kanzellen befinden sich genau an der Stelle, wo die Stecher in sie münden, vertikale Bohrungen zu den Kanzellen des anderen Manuals. Diese Bohrungen sind mit einer Art Rückschlagklappen aus belederten Holzplättchen (als Scharnier dient das Leder) versehen, auf welche die Koppelstecher drücken. Ist die Koppel ausgeschaltet, dann ist die Kammer des Deckels (auf der Zeichnung als X markiert) mit Wind gefüllt und die Membrane drückt mit Hilfe des Winddrucks die Stecher auf die Klappen in den Kanzellen. Wird die Koppel eingeschaltet, entlastet sich die Kammer X und die Stecher können die Klappen nicht mehr fixieren. Nun kann, wenn auf dem ersten Manual gespielt wird, der Wind durch die vertikalen Bohrungen in die jeweilige Kanzelle des zweiten Manuals gelangen.
Pedalkoppeln und Oktavkoppeln funktionieren nach demselben Prinzip.

In Bayerisch Schwaben ist das System bei vielen der frühen pneumatischen Hindelang-Orgeln anzutreffen (Hindelang hat die Spieltische bis etwa 1906 bei Weigle bezogen). Größere Firmen, die dieses Koppelsystem ebenfalls verwendet haben, sind beispielsweise Strebel und Späth. Sowohl Strebel als auch Späth haben aber die Spielventilkästen mit den liegenden Ventilen und den von den Klaviaturen kommenden langen Abzugsdrähten durch kleinere Kegelapparate ersetzt. Die Ventile werden bei Strebel und Späth mittels an den Tastenenden befestigten Blattfedern von unten angehoben.


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