? Einführung differenzierter Winddrücke in Deutschland

MCVL @, Mittwoch, 08. November 2023, 20:49 (vor 1043 Tagen)
bearbeitet von MCVL, Donnerstag, 09. November 2023, 00:18

Hallo zusammen,

ich zerbreche mir gerade wieder einmal im Zusammenhang der Entwicklungen im süddeutschen Orgelbau während der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts über ein bislang kaum aufgegriffenes Thema den Kopf, welches ich andeutungsweise schon einmal in einem anderen Thread erwähnt hatte.

Vielleicht können wir hier über die Angelegenheit noch mehr zur Ergänzung zusammentragen.

Es geht um die Einführung sogenannter "differenzierter" Winddrücke in Deutschland. Zunächst habe ich einmal die Töpfer-Publikationen von 1842 bzw. 1855 herangezogen, in denen aber zu dieser Angelegenheit nichts zu finden ist (außer ich hätte es tatsächlich sträflicherweise übersehen).

Den ersten Nachweis über die Anwendung differenzierter Winddrücke fand ich in der Literatur bei Sulzmann in seinem Werk über historische Orgeln in Baden. 1838 hatte der Freiburger Orgelbauer Franz Joseph Merklin zusammen mit seinem Sohn Joseph (der "bekannte" Merklin, welchen es später nach Belgien bzw. Frankreich verschlug) für die katholische Kirche in Oberrotweil am Kaiserstuhl eine Orgel mit verschiedenen Winddrücken angeboten, welche im Hauptwerk und Pedal einen Winddruck von 24 badischen Linien (72 mm Ws) und im Oberwerk einen Druck von 14 Linien (42 mm Ws) bekam. Sulzmann schreibt, daß das Konzept zu dieser Orgel durch Eberhard Friedrich Walcker inspiriert war, allerdings ist mir nichts darüber bekannt, daß Walcker zu dieser Zeit mit differenzierten Winddrücken gearbeitet hätte.
Wo hatten also Merklin Vater & Sohn dieses Prinzip kennengelernt oder war es ihre eigene Erfindung? Eine Beziehung oder einen Zusammenhang mit Cavaillé-Coll, der ja in etwa während der gleichen Zeit mit differenzierten Drücken zu arbeiten begann, halte ich für ausgeschlossen.
Interessanterweise wurde die Orgel von Joseph Baader der Abnahmeprüfung unterzogen, der gleich noch einmal in Erscheinung treten wird.

Der nächste Nachweis für den Einsatz differenzierter Winddrücke finde ich dann bei Martin Braun an dessen für Emmingen ab Egg bestimmten, 1842/44 entstandenen Orgel. Auch hier stellt sich die Frage, wie Braun auf die Idee kam, verschiedene Winddrücke in ein und derselben Orgel anzuwenden. In Emmingen war der Winddruck im Pedal auf 20 badische Linien (60 mm Ws) und in den Manualwerken auf 17 Linien (51 mm Ws) angelegt. Es wäre nun denkbar, daß Braun über den Orgelbauinspektor Baader, welchem die Beratung in Emmingen oblag (also über die Verbindung Merklin - Baader - Braun) auf diese Sache gekommen ist, allerdings läßt sich dies dem mir vorliegenden Aktenmaterial nicht entnehmen. Außerdem hat Braun in Emmingen die Orgel mit zwei horizontal aufsteigenden mit sogen. Schöpfern versehenen sehr solid konstruirten Bälgen ausgestattet, ich vermute hier eine Konstruktion, wie sie bereits sein Cousin Joseph mehrere Jahre zuvor für Oberbaldingen vorgesehen hatte, also wohl einfache Parallelfaltenmagazine mit einem untenliegenden Schöpfer. Ich tendiere dazu, daß Braun von der Orgel in Oberrotweil nichts wusste, sondern die Anwendung differenzierter Winddrücke seinem eigenen Genius entsprungen ist.

Mich würde nun interessieren, ob hier jemandem aus der Community die Anwendung differenzierter Winddrücke zu dieser Zeit aus anderen deutschen Regionen bekannt ist und was von dieser ganzen Angelegenheit zu halten ist. Waren tatsächlich Merklin und Braun die ersten, die verschiedene Winddrücke in einer Orgel in Deutschland zum Einsatz brachten? Zumindest in Emmingen dürfte es auch der erste konkrete Nachweis der Anwendung einer Magazinbalganlage in (Süd)-Deutschland sein, weitab von Ludwigsburg und den dortigen Gepflogenheiten, auf Kastenbälge zu setzen.


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