Plagiat vs. Neostil (war: München - Herz Jesu)

Hausorgler @, Feldkirch/Vorarlberg, Freitag, 07. November 2014, 19:56 (vor 4384 Tagen) @ Friedrich

Danke für die exakte Begriffsbestimmung. Wir waren da etwas "schludrig" unterwegs. Es ging ja tatsächlich um Neostile. Mir kommt vor, daß Renaissancen immer wieder einmal nötig sind. Könnte es sein, daß man sich da der historischen Herkunft vergewissert, also quasi einmal retrospektiv innehält, um dann doch zu spüren, daß man nach diesem "Atemholen" wieder weiter gehen muß?
Im Grunde waren Renaissance und Klassizismus ja auch Neostile, wenngleich wohl nicht so "puristisch" orientiert, wie es die Neogotik und Neoromanik (teilweise) taten. Als die Gotik sich zu Ende gesteigert hatte, suchte man sein Heil im Wiederfinden der Antike. Und als die Renaissance in den Barock mündete, steigerte dieser sich wieder ins Rokkoko hinein. Danach suchte man erneut sein Heil in der Antikenrezeption. Der Klassizismus war aber doch kulturell und gesellschaftlich/politisch mit erheblichen beunruhigenden Umwälzungen konnotiert. Suchte man sein Heil nun deshalb in der vermeintlich stabilen Welt des Mittelalters?
Inzwischen ist der Jugendstil durch, das Bauhaus auch. Wohin geht eigentlich unser gestaltendes Streben jetzt? Sind nicht die Rekonstruktionen von Frauenkirche, Christus-Erlöser-Kirche (Moskau), der Schlösser von Berlin, Braunschweig und Hannover, sowie diverser kriegsverlorenen Stadtensembles ein Ausdruck eines erneuten Innehaltens und Selbstvergewisserns?
Vielleicht brauchen wir das in der Musik kompositorisch nicht in diesem Ausmaß. Wenn Bedarf besteht, ziehen wir eben die alten Noten aus der Schublade und spielen das wieder. Wobei: Die Wende zur historisch informierten Aufführung alter Musik war ja auch ein Weggehen von langsam gewachsenen Überformungen hin zu den Wurzeln.

Zum Kitsch: Der Definition stimme ich zu. Für mich ist Kitsch, wenn Form und Funktion erheblich auseinanderfallen. Unter Funktion verstehe auch gesellschaftliche und kulturelle Funktionen. Die rekonstruierte Frauenkirche ist kein Kitsch. Ihre Funktionen sind dieselben wie früher: Gottesdienst und stadtbürgerliches Identifikationssymbol. Wenn aber hinter der Fassade des Braunschweiger Schlosses ein Einkaufszentrum steht, dann fallen Form und Funktion doch ein klein wenig auseinander.


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