Rolf Dietrich Claus, Zur Echtheit von Toccata und Fuge d-Moll BWV 565

aljoschka_dippold @, Freitag, 23. Mai 2014, 10:40 (vor 4543 Tagen) @ Manuel

Ohne selbst Position beziehen zu wollen, zitiere ich hier aus der Schlußbetrachtung oben genannten Buches (Dohr, 2. Auflage 1998, S. 109f.):
"Wie [...] gezeigt wurde, weicht - abgesehen von der problematischen Quellenlage - das Erscheinungsbild der d-moll-Toccata BWV 565 erheblich von der Gestalt einer Bachschen Orgelkomposition aus dem Beginn des 18. Jahrhunderts ab. Da aus guten Gründen bisher nicht erwogen wurde, BWV 565 für ein Werk aus der Zeit von Bachs Meisterschaft anzusehen, hatte man ihm, um es für das Oeuvre zu retten, einen Platz unter den Jugendwerken zugedacht. Dem stehen die folgenden schwerwiegenden Argumente entgegen:
1. Ein unisono-Beginn, der die Kenntnis des neuen italienischen Stils voraussetzt.
2. Arpeggien, wie sie sch in Bachs Orgelwerken nur bei Transkriptionen italienischer Konzerte finden.
3. Ausgiebiger Gebrauch von Fermaten, die eher den Regeln Carl Philipp Emanuel Bachs entsprechen als denen seines Vaters.
4. Exzessiver Einsatz von Tempobezeichnungen, wie er für das frühe 18. Jahrhundert nicht belegt ist.
5. Stereotype Wiederholung musikalischen Materials anstelle von dessen Verarbeitung.
6. Äußerst schlichte Dreiklangsharmonik, die auf Nutzung der starken modulatorischen Möglichkeiten des verminderten Septakkords vollständig verzichtet.
7. Verzicht auf eine klar gegliederte Exposition mit anschließenden Durchführungen in der Fuge.
8. Verzicht auf kontrapunktische Techniken.
9. Kontrasubjekte, die keine sind.
10. Einstimmigkeit über weite Strecken der Fuge, nebst einem unbegleiteten Pedaleinsatz des Themas.
11. Altertümelnde Schlußkadenz mit Schlussakkord in Moll."

Weiterhin reißt Claus noch das Problem des geradezu "thematischen" großen Cis (S. 110f) an.

Viel Spaß beim weiteren Diskutieren!


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