Orgelbauer - Personalstil

Florgel @, Mittwoch, 26. März 2014, 21:14 (vor 4592 Tagen) @ Friedrich

Ging es Kraus nicht eher darum, dass einfach überall und unter allen Umständen die Trompete im HW stand und Salizional und Oboe im SW, dass Posaunen immer erstmal ein »Still-« davor bekamen, damit sich die Gemeinde nicht so erschreckt, falls die Klavierlehrerin mal auf dem Rollschweller ausrutscht?


Das kann ich nicht bestätigen.


Meine Schuld – ich habe das missverstäbnlich geschrieben. Genau darum ging es Kraus nicht, er war wohl davon eher genervt, daher seine zum Teil überraschenden Dispositionen, die sich mit dem altgewohnten, morgenblinden Griff in die Registerwippen nicht einfach so registrieren ließen.

Viele Grüße,
Friedrich

Achso- alles klar! :)

Tatsächlich unterscheiden sich seine Dispositionen trotz wiederkehrender Elemente fast schon zwanghaft.

Dieser Hang zu Überraschungen und Extravaganz* läßt sich auch sehr gut nachhören, zB. auf der CD "Te Deum- Eberhard Kraus an der historischen Orgel des hohen Domes zu Regensburg"- da raucht dem Fugen-Sepp mal richtig der Kopf ;)
Eine meiner Lieblings-Cd´s, aufgrund der Werke und ihrer Interpretation, aber auch die alte Hirnschrodt-Chororgel kommt da nicht so schlecht weg. Verglichen mit der jetzigen Chororgel gefällt mir das schon besser.

* -wenn man will und an Vorvorgänger-Domorganist Renner denkt, auch eine kleine Regensburger Tradition ;)

Kraus stellte sein Ideal auch als die kontrapunktische Orgel dar und darf weiter zitiert werden:

... es kann auch bei zehn Registern schon einen kräftigen Septimen-Farbakzent geben, der Streicher kann schon bei fünf Registern in der 4´-Lage disponiert werden und die Trompete 16´ schon eher als die Trompete 8´.
So ist diese Orgellandschaft zu verstehen: Bejahung alles Alten und Neuen, aller Stilmittel und Techniken, aller Landschaften und Anwendungsbereiche; Nutzung durch Zusammenführen und Gegenüberstellen, durch Konfrontation und Integration, durch Vereinigen und Trennen; Entwicklung innerhalb von Tradition und Experiment, von Regel und Einfall, von Notation und Improvisation.

Ein weiteres, kompaktes Beispiel:
Elisabethszell, Kloss 1971/76
HAUPTWERK
Holzgedackt 8´, Prinzipal 4´, Salicet 4´, Flachflöte 2´, Mixtur III 1 1/3´
RÜCKPOSITIV
Bleigedackt 8´, Holzprinzipal 4´, Prinzipal 2´, Septenkornettino 2 2/3´+2´+1 3/5´+1 1/7´, Scharff III 2/3´
SCHWELL-AUXILIAIRE
Harfpfeife 8´, Flute douce 4´, Nachthornquinte 1 1/3´
PEDAL
Subbaß 16´, Kupferflöte 8´, Choralbaß 4´+1 1/3´

Man muss aber wohl auch sagen: So unterschiedlich die Konzepte und Dispositionen sind, so ähnlich ist dann oft die handwerkliche Ausführung und der Klang und wenn ich grob überschlage, komme ich im weiteren Umkreis zwischen 1969 und 1986 auf mindestens 60 Neubauprojekte, wovon 50% an Weise gingen ...
Und trotzdem würde ich´s mir mit Kraus nicht zu einfach machen.

Liebe Grüße,
Florian


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