Orgelbauer - Personalstil

Florgel @, Dienstag, 25. März 2014, 10:48 (vor 4593 Tagen) @ Dorforganist

Die bei Neubauten herrschende Klangmonotonie haben wir bestimmt nicht den Orgelbauern zu verdanken, sondern ist schon von Anderen zu verantworten.


Ja, ich könnte mir auch gut vorstellen, daß der Orgelbauer innerlich aufstöhnt: "Nicht schon wieder französisch-romantisch...".

Aber wenn er einen Auftrag kriegen will, muß er wohl die x.te Stilkopie hinstellen. Finde ich zur Zeit ziemlich eintönig - "Orgellandschaft" ist was anderes...

Dem schließe ich mich aus eigener Erfahrung an.

Das wird dann etwa so ins Heftchen diktiert:
"Der weite/kurze/kompakte/etc. Kirchenraum verlangt nach einer Orgelgröße von etwa 20
Registern. Eine Disposition dieser Größe bietet alles, was die heutige Vorstellung
von Kirchenmusik von einer Orgel fordert.
Besonderer Wert wurde bei der Auswahl der Register darauf gelegt, daß alle
Begleitaufgaben erfüllt werden können, sei es das Begleiten einer liturgischen
Handlung, der Gemeinde oder von Chor, Kantoren, Solisten und Instrumentalisten.
Als wertvolles Hilfsmittel hierbei wird sich der Schweller erweisen, in dem das
II. Manual zu stehen kommt. Er sorgt für eine große dynamische Variabilität.
In Verbindung mit einem optisch ansprechenden Gehäuse, das gut zur Kirche paßt und mit einer sicheren, soliden und sensiblen Technik, wird das mit künstlerischer Inspiration intonierte Pfeifenwerk der Pfarrgemeinde für lange Zeit eine vollauf zufriedenstellende Orgel als Begleiter durch das kirchliche Leben an die Seite stellen."

Großzügigerweise gibt´s immer gleich die "passende" Disposition samt zu verwendendem Material dazu, etwa so:
Manual I, C-g3, Hauptwerk
1 Prinzipal 8' Zinn, im Prospekt
2 Rohrflöte 8' C-h Holz, Rest Zinn
3 Gamba 8' Zinn
4 Oktave 4' Zinn
5 Holzflöte 4' Holz
6 Superoktave 2' Zinn
7 Mixtur 4f. 1 1/3' Zinn
8 Trompete 8' Zinnbecher
Manual II, C-g3, Schwellwerk
9 Gedackt 8' Holz
10 Salicional 8' Zinn
11 Vox coelestis 8' ab c°, Zinn
12 Fugara 4' Zinn
13 Sesquialter 2f. Zinn; 2 2/3' + 1 3/5'
14 Piccolo 2' Zinn; ab c° überblasend
15 Mixtur 3-4f. 2' Zinn
16 Oboe 8' Zinnbecher
- Tremulant
Pedal, C-f3
17 Subbaß 16' Holz
18 Oktavbaß 8' Zinn
19 Bordun 8' Holz, gedeckt
20 Fagott 16' Holzbecher
Koppeln: II-I, I-P, II-P
Natürlich (!): Mechanische Spiel- und Registeraktur, Schleifladen
Auf Wunsch zusätzlich elektrische Registertraktur mit elektronischer Setzeranlage
Freistehender Spieltisch mit Blick zur Orgel.

Gut, ein bisserl Variation darf man schon mal riskieren,beispielsweise im
SW: statt Fugara 4´ einen Geigenprincipal 4´.
Aber das Quintett Gedackt 8´, Salicional 8´ Vox Coelestis 8´ ,Sesquialter und Oboe 8´ kommt in einem Bistum doch in beeindruckender Anzahl vor ... scheint eine Goldene Formel zu sein, die im Prinzip überall klappt und der man nicht überdrüssig wird.

Ich glaube nicht, dass ein eigener Stil bei Orgelbauern eine große Chance hat, wenn so eine Ausschreibung statt findet. Aber das ist ja hier nur ein Beispiel, das nicht für andere Gegenden gelten wird ...


Die Prospektgestaltung ist auch nicht sooo frei. Dafür gibt´s eine "Kunstkomission", in der lauter honorige Leute sitzen. Fällt der Entwurf durch, fällt die ganze Orgel durch. Denn an das "placet" der Komission ist die stiftungsaufsichtliche Genehmigung gebunden. So passiert, bzw. das Orgelprojekt dann eben nicht ... ein Protokoll scheint man nicht zu führen, das halte ich auch für durchaus schlau. In heutigen Zeiten herrscht ein hoher Zeitdruck, sodass es schwer möglich ist, sich mit solchen Anliegen mord´s aufzuhalten, außerdem verstehen die Leut´ eh nix davon und eine Angabe von Gründen ändert doch auch nix an der Tatsache ...

Mir ist die Praxis in anderen Gegenden nicht bekannt, aber in einer Gegend ist das so.

Und da darf ich doch gleich ein paar Zeilen hintendran setzen vom früheren Regensburger Domorganisten und Sachverständigen, Eberhard Kraus:

... Da auch ein Großteil unserer Organisten und Kirchenmusiker eher den historisierenden Dispositionen, die allerdings häufiger weniger barock denn traditionell oder gar romantisch ausfallen, zugetan sind, finden wir in dieser Stilrichtung viele in sich stimmende und homogene Instrumente, die aber nur selten wirklich individuell und künstlerisch sind und sein können. Der lineare Stil erscheint bei uns meist in der Gehäusegestaltung, aber weniger aus Überzeugung, sondern aus einer gewissen Sparsamkeit. Man könnte ihn so charakterisieren, daß zwar Aufbau, Gliederung und Form eines historischen Prospektes übernommen werden, aber jede schmückende Ausgestaltung im wahrsten Sinne des Wortes "ausgespart" wird. In den Dispositionen sind es karge Instrumente, ohne streichende und färbende Stimmen, bar auch jeden technischen Hilfsmittels und anderer erklärter Überflüssigkeiten. Im klanglichen Bereich wird dieser Stil von unseren Einheimischen nicht geschätzt, eher als Notlösung hingenommen...

Habe die Ehre,
Florian


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