Klangmanipulationen auf Orgel-CDs
Mich würde nun die Meinung dazu von euch interessieren.
Mittlerweile besitze ich auch diese CD und habe mir beide Versionen angehört. Interessant ist ja die angewandte Methode:
Man hat zunächst mehrere Kirchen in Frankreich (auch solche mit originären Cavaille-Coll-Orgeln) 'akustisch vermessen'. Dazu wurden in der Kirche Lautsprecher platziert (z. Bsp. Chartres in der Vierung) und über diese Sweeps (die natürlich einen definierten Frequenzverlauf haben) abgespielt. In 11 m Entfernung hat man dann Mikrophone platziert und den Klang wieder aufgenommen. Die Differenz zwischen dem 'Originalklang' und dem aufgenommen Klang (also die Klangbeeinflussung durch den umgebenden Raum) läßt sich durch einen Algorithmus rechnerisch darstellen. In Oberlin hat man dann genau dieselben Mikrophone wieder für die Aufnahme eingesetzt und auf die digitale Aufnahme diesen Algorithmus wieder angewandt. Soviel zur Theorie.
Es wurde also nicht nur Hall hinzugefügt, sondern die gesamte 'akustische Raumcharakteristik' wurde 'hineingerechnet'. Dies drückt sich auch dadurch aus, dass z. Bsp. Mixturen abgeschwächt und Bässe angehoben werden. Man hat sich für die Raumcharakteristik von Chartres entschieden, da hierdurch die Flute harmonique besonders gut zur Geltung kam.
Meine Kritikpunkte:
Wenn man die Raumcharakteristik misst, kommen natürlich immer auch die Eigenschaften der verwendeten Lautsprecher (Genelec S30) und Mikrophone (Pro Audio 4006) mit ins Spiel. Dieses Equipment ist ja nicht völlig neutral.
Die Finney Chapel in Oberlin ist natürlich nicht völlig 'schalltot', sondern besitzt schon noch eine eigene Raumcharakteristik. Die müsste man bei der Aufnahme eigentlich erst 'herausrechnen', bevor man dann die Raumcharakteristik von Chartres wieder 'hineinrechnet'.
Fisk hat die Orgel natürlich auf den Raum in Oberlin hin intoniert. Stände die Orgel tatsächlich in Chartres, wäre die Intonation sicher anders ausgefallen.
Der Interpret (J. Melvin Butler) hat natürlich ebenfalls die Orgelwerke in Oberlin eingespielt. Hätte er dies in Chartres getan, wäre die Interpretation sicher auch anders ausgefallen.
Die Initiatoren dieser CD sehen das Ganze auch bewußt als Experiment an und enthalten sich erfreulicherweise jedweder Wertung. Der Zuhörer soll selbst entscheiden.
Und meine persönliche Meinung: trotz aller Bedenken und Vorbehalte, die Einspielung mit der 'hineingerechneten Akustik' hat mir subjektiv besser gefallen.
Was vielleicht 2 Gründe hat:
Die altbekannte Weisheit, dass das wichtigste Register der Orgel der umgebende Raum ist. Wie auch schon Barbara Owen bemerkte: ein von Cavaille-Coll inspirierter Orgelnachbau in einem Raum mit 'Town-Hall-Akustik' funktioniert nun mal nicht richtig.
Es gibt auch Orgelmusik, die im Blick auf einen ganz spezifischen Orgeltypus in einem bestimmten Raum hin komponiert ist. Natürlich kann man diese Musik auch woanders spielen, aber das überzeugendste Ergebnis wird man immer noch in den Räumen und auf den Orgeln erreichen, für die diese Musik konzipiert ist.
Viele Grüße,
- Karl-Josef
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- Klangmanipulationen auf Orgel-CDs - Karsten, 09.07.2011, 08:33
- Klangmanipulationen auf Orgel-CDs - doppelfloete_h, 09.07.2011, 09:14
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