Programmgestaltung (war: Der Cameron …)

Friedrich @, Donnerstag, 15. September 2011, 14:00 (vor 5472 Tagen) @ Aeolinchen

Zu der Zeit hat sich Reger kaum mehr von Straube groß beeinflussen lassen. Es gibt auch nicht den leisesten Hinweis, dass die Kürzungen auf irgend einen Einfluss von Straube oder wem auch immer zurückgehen.

Das stimmt leider nicht ganz. Straubes Einfluss war noch immer bedeutend, wenn er auch nicht mehr, wie in der Weidener Zeit, automatisch ein eigenes Manuskript zugeschickt bekam. Der gewichtigste Beleg ist der Abbruch des Requiems, das Reger angefangen hatte und das Straube ihm ausredete. Eineinhalb irrsinnige Sätze gibt es, dann ist Schluss. Elsa war Straube deswegen sehr böse.

Gerade bei Opus 135b ist Straubes Einfluss gut zu belegen. Dazu gibt es Aufsätze von Marcel Punt, Bengt Hambraeus und Otmar Schreiber. In seinen Briefen hat Reger das Stück Straube über längere Zeit angekündigt und es dann zu einem Treffen 1916 mitgebracht; am Tag darauf schreibt er, er habe "die Änderungen schon alle gemacht". Ich finde, es geht nicht viel eindeutiger.

Für mich ist entscheidend, dass Reger selber Straubes Rat gesucht und die Änderungen selber gemacht und dem Verlag im eigenen Namen überreicht hat: eine Fassung letzter Hand. Und selbst wenn Straubes Rat eine Rolle spielte: Zur "Urfassung" wird damit die längere Version nicht – auch wenn die Lage hier, zugegebenermaßen, zum Grübeln einlädt.

Uns ist unbehaglich, wenn in Zweifel steht, ob die letzte künstlerische Entscheidung beim Genie lag (an das wir immer noch gerne glauben) oder ob sie von einem Ratgeber beeinflusst wurde, dessen Kriterien wir nur schwer einschätzen können. Hinter der Jagd nach der "Urfassung" oder dem "eigentlichen" Werk steht in diesem Fall, so meine ich, unser Konflikt mit dem Geniebegriff bei einem Komponisten an der Schwelle zur Moderne – ein Konflikt, der uns sehr unbehaglich ist und den wir deshalb gerne, wie schon Elsa Reger, nach außen verlagern, auf den seit jeher verdächtigen "lieben Carl". Der für unser "Genie" Reger bis zuletzt der "liebe Carl" blieb und ihn als letzter lebend sah.

Gruß,
Friedrich


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