Orgelmusik in katholischen und evangelischen Gottesdiensten

chp, Sonntag, 05. Juni 2011, 21:52 (vor 5628 Tagen) @ orgelsolo
bearbeitet von chp, Montag, 06. Juni 2011, 06:39

Hallo,

ich bin dilettierender, ehrenamtlicher Hobby-Orgler in einer katholischen Gemeinde im Nordosten, aber dennoch hier meine 2 Cents:

Ich bin katholisch und als Organist ist es hauptsächlich Aufgabe Hintergrundmusik zu liefern, was mich manchmal ein bissl ärgert. Der Einzug soll genau so lang dauern bis der Pfarrer vorne ist, die Kommunionmusik soll aus sein wenn der Pfarrer mit dem purifizieren fertig ist und sich setzt, etc etc

Ich spiele gewöhnlich ein Literaturstück vor dem Gottesdienst, angeregt hat das der Pastor. Zu feierlichen Einzügen (mit Weihrauch) spiele ich auch etwas, ein kurzes Präludium oder auch einen Teil eines Literaturstücks, z.B. die "Intro" eines Buxtehude-Präludiums. Da bei uns dann zum Einzug auch ein Lied gesungen wird, ist das kein Problem mit der Länge, in der Regel beginnt das Lied schon, bevor, der Pastor an seinem Platz ist oder er wartet halt kurz. Kommentar eines Pastors, als ich ankündigte, dass mein Einzugsstück ein paar Sekunden länger dauern könnte: "So viel Zeit muss sein".

Ich habe Buxtehude Präludien auch schon "zerlegt" gespielt, z.B. das in g (BuxVW 149): Ersten Teil zum Einzug, erste Fuge zur Kommunion, Rest zum Auszug. Diet(e)rich B. wird es mir nachsehen.

...und kaum ist wo in der Messe mal 1 Minute leerlauf - z.b beim Weihräuchern - , soll die Orgel was inzwischendudeln

Weihrauch kommt im Anschluss an Gabenbereitung, da spiele ich halt eine Strophe mehr oder improvisiere ein bisschen über das entsprechende Lied.

Für Literaturspiel ist dieses Timing sehr schwer umzusetzen - weshalb man eigentlich nur improvisieren kann.

Nachdem ich inzwischen ein bisschen Routine/Erfahrung habe, geht das meist ganz gut.

Orgelmusik als eigenständiges Element gibt es in der katholsichen Kirche kaum. angenehm überrascht war ich als ich in Berlin einmal einen evangelischen Gottesidenst besuchte, da gabs erst einmal ein Mendelssohn Praeludium mit Fuge am Beginn, und der Pastor hat gewartet bis es aus ist.

Neben den Stücken vor und nach dem Gottesdienst kann man regelmäßig zur Gabenbereitung (bei uns allerdings praktisch immer ein Lied) und zur Kommunion etwas spielen. Beides ist bei uns ganz gut von der Zeit her abschätzbar. Als Stücke zur Kommunion nehme ich gerne auch Variationsstücke (etwa aus Pachelbels Hexachordum Apollinis), wo man flexibel enden kann. Oder ich sehe mir die Stücke durch, wo ich Abkürzungen oder Schleifen einbauen kann, beispielsweise bei den einfachen französischen Communions oder Offertoires geht das meist ohne Problem. Aber auch hier hören sich die Pastoren die Stücke notfalls nach der Kommunion auch noch 30 Sekunden an.

...allerdings wäre ich auch überfordert jeden Sonntag ein Konzertstück liefern zu müssen - aber man sollte in der katholischen Liturgie zumindest ab und zu auch Platz
für bewusst wahrgenommene Orgelmusik schaffen - was sicher stark vom Pfarrer abhängig ist.

Bei uns im Nordosten, wie gesagt, kein so großes Problem. Vielleicht kommt das aber auch von der Nähe zu den Evangelischen Gemeinden her, die hier kirchenmusikalisch eher prägend sind. Konzertant muss es außerdem nicht unbedingt sein. Ich spiele zur Zeit ganz einfache Offertoires von Felix Auger (op. 4, hg. von Andreas Willscher) zum Auszug. Die Stücke sind so fetzig, dass viele Leute die ganz bewusst bis zum Ende anhören, ein ältere Dame fing neulich an sich im Takt neben der Orgel zu wiegen (hat mich 2 Takte lang sehr irritiert), Kinder greifen den Rhythmus sowieso auf und marschieren durch die Kirche, alte und junge Leute bedanken sich für die ungewöhnlichen Orgelklänge und beglückwünschen mich, ein Herr hat mir erzählt, er wolle wieder mit Keyboard anfangen usw. Also, was will man mehr. Ist keine große Kunst, eben Literatur für Dorforganisten wie mich, aber gefällt den Leuten bestens. Die große Kunst dürfen ja die Profis machen.

Apropos Profis: Ein evangelischer Kantor einer großen Kirche und Gemeinde hat mir erzählt, dass er früher gerne in katholischen Gpotesdienstes gespielt hätte, besonders das Nachspiel hätte er geschätzt. Da habe er auch größere Werke spielen können, die Uninteresierten seien halt gegangen und die anderen, wenn auch wenigen, hätten es sich gerne bis zum Ende angehört. Im Evangelischen Gottesdienst dagegen würde es schwer Mecker geben, wenn das Nachspiel 1/2 Minute zu lange gedauert hätte.

Beste Grüße von der Waterkant
Christoph P.


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