Transkriptionen von Cochereau-Improvisationen
Zum Thema: Es gibt sowieso nicht viele Improvisationen, die es lohnen, verschriftet zu werden. Improvisationen sind grundsätzlich - das handwerkliche Können setze ich natürlich voraus - von Tagesform, persönlicher Stimmung und Kondition zu einem großem Teil abhängig. Aber es gibt auch Momente, wo alles zusammen passt: Orgel, Organist, persönliches Befinden. Einen solchen Moment scheint mir Cochereau bei seinem improvisiertem Scherzo symphonique gehabt zu haben - ein wie ich finde genialer Wurf. Klug und effektvoll angelegt mit Tutti am Anfang und am Ende das Absterben des Klanges mit den beiden Aufwachakkorden.
Jeremy Filsell scheint mir - vielleicht noch Kalevi Kivinimie, der neben dem "Original" auch eine eigene Improvisatio in St. Ouen nach gleichem Muster spielte - derjenige zu sein, der diese Improvisation und ihr Potential kongenial verstanden hat. Die von ihm benutzte Orgel in Liverpool scheint mir ebenfalls nicht ungeeignet zu sein.Aber hören Sie doch selbst: http://www.youtube.com/watch?v=sGC_JPgW5Qc&list=FLjuB79so58QFPxp6KJSlk5Q&index=...
Liebe Grüße aus Waake
Gerhard Wernecke
Ich habe großen Respekt vor der Improvisationskunst Pierre Cochereaus und bedauere es, ihn nie persönlich erlebt zu haben. So blieb mir, wie vielen Anderen, nur die Möglichkeit, seine Aufnahmen genau zu studieren: Gerade im Falle des Scherzo symphonique von Pierre Cochereau (es wurde 1974 improvisiert und ist im CD-Set Cochereau: L'organiste de Notre-Dame enthalten) in Jeremy Filsells Transkription muss ich einhaken: Filsell hat die Harmonik von Cochereau in dieser Improvisation leider nicht besonders gut verstanden und weicht schon nach etwa 30 Sekunden erheblich vom Original ab. Die Tremolofiguren und repetierten Einzeltöne bzw. Gruppen, die Cochereau tatsächlich verwendete, sind aufgrund der akustischen Bedingungen in Notre-Dame extrem schwer herauszuhören und noch viel schwieriger in schriftliche Notation zu bringen; in der Transkription finden sich stattdessen seitenweise Akkordrepetitionen, die in diesem Umfang von Cochereau in seinem improvisierten Scherzo nicht verwendet worden waren, und bei Filsell zudem auch oft extrem unbequem auszuführen sind (durch Cochereaus sehr große Hände, die eine Dezime d-fis oder e-gis mühelos greifen konnten, lässt sich dies allein nicht erklären).
Eine weitere eklatante Abweichung vom Original: Die drei scharf abgerissenen Schlussakkorde im Generaltutti, nach dem Pianissimo mit Flûtes 8' 2' im geschlossenen Récit, sind bei Filsell in einer völlig anderen Lage notiert, als Cochereau sie spielte. Sie müssten lauten: a-b-cis'-dis'-g' (linke Hand) und b'-cis''-dis''-g''-a'' (rechte Hand), gefolgt von zwei D-Dur-Akkorden: a-d'-fis'-a' (linke Hand) und fis''-a''-d'''-fis''' (rechte Hand).
Sowohl David Briggs als auch Jeremy Filsell hatten einen entscheidenden Nachteil bei der Erstellung ihrer Transkriptionen: Hätten sie (wie etwa Pierre Pincemaille, Maurice Clerc oder George Baker, um nur einige Zeitzeugen zu nennen) die Möglichkeit gehabt, Cochereau beim Improvisieren oft und regelmäßig sehr genau beobachten zu können, wären bestimmte Fehler in ihren Transkriptionen niemals entstanden (z. B. bei Briggs' Transkription der Variations sur "Alouette" der Manualumfang bis h''', obwohl Notre-Dame tatsächlich einen Umfang bis g''' hat, oder die Coupure im ersten Satz seiner Transkription des Triptyque symphonique von 1977, wo Cochereau stattdessen in pianistischer Weise vom Bass aufsteigende schnelle Arpeggi in der linken Hand spielte, die hingetupfte Basstöne im Pedal suggerierten (auch zu erleben in Cochereaus improvisiertem Scherzo von 1977 für das französische Fernsehen)).
Jeremy Filsells Transkription des Scherzo symphonique ist für sich betrachtet ein effektvolles Stück, das aber mit der improvisierten Vorlage von Pierre Cochereau nicht viel gemeinsam hat, wenn man den originalen Livemitschnitt von 1974 gut kennt.
Man tut Cochereau keinen Gefallen, diese Transkription, wie es ja inzwischen üblich geworden ist, in Konzerten zu spielen; ich halte es für einen großen Fehler! Würde denn jemand ernsthaft in ein Konzert gehen, in der ein Jazzpianist die Transkription von Keith Jarretts "Köln Concert" von 1975 auf dem Programm hat?
Ich konzentriere mich lieber auf das reichhaltige Originalrepertoire für Orgel, gelungene Orgeltranskriptionen und Transkriptionen von Improvisationen, die die Improvisatoren veranlasst oder auch selbst durchgeführt haben:
Beispiel 1:
Daniel Roths "Triptyque - Hommage à Pierre Cochereau" (das 1994 beim Abschlusskonzert des Chartres-Wettbewerbs improvisiert wurde, und das Roth nachträglich (ohne die Hilfe eines Mitschnittes) in eine Komposition umarbeitete).
Beispiel 2:
Olivier Latrys "Salve Regina", das seinen Ursprung in einer Improvisation hat, die Latry in den USA gespielt hatte.
Beispiel 3:
Zwei der sechs Sagas und Auszüge aus den beiden Balladen von Jean Guillou, die Guillou mehr oder weniger präzis anhand mehrerer Improvisations-LPs für Philips von 1969 transkribiert hatte.
Statt die Welt mit der -zigsten Transkription von Cochereau-Improvisationen zu beglücken, würde man seine Zeit besser nutzen, die Audio- und Video-Aufnahmen mit Cochereau genauer zu studieren und daraus seinen Nutzen für die eigene Improvisation zu ziehen. David Briggs hat (neben seinen eigenen Transkriptionen und der damit verbundenen enormen Analyse-Arbeit) so seinen persönlichen Weg zur Improvisation gefunden, ergänzt durch seinen Improvisationsunterricht bei Langlais und anderen. Jeremy Filsell, François Lombard oder John Scott Whiteley (so sehr ich alle drei Kollegen als Interpreten schätze) habe ich trotz ihrer Cochereau-Transkriptionen als Improvisatoren noch nicht erlebt.
Pierre Pincemaille hat auf überzeugende Weise (und mit zwingender Argumentation) konsequent die ganze Problematik der Transkription von Orgelimprovisationen im Allgemeinen und Cochereaus Improvisationen im Besonderen zusammengefasst, wie man in Yvette Carbous lesenswertem Buch "Pierre Cochereau: Témoignages" von 1994 nachlesen kann (im Kapitel "L'improvisateur à Notre-Dame" von Pierre Pincemaille, auf S. 275-277).
gesamter Thread:
- Orgelstücke von Pierre Cochereau - Tobias0989, 18.11.2012, 12:24
- Orgelstücke von Pierre Cochereau - Axel, 18.11.2012, 12:46
- Orgelstücke von Pierre Cochereau - stein, 18.11.2012, 12:48
- Orgelstücke von Pierre Cochereau - doppelfloete_h, 18.11.2012, 13:03
- Orgelstücke von Pierre Cochereau - Karsten, 18.11.2012, 13:09
- Orgelstücke von Pierre Cochereau - OrganisteTuttilaire, 18.11.2012, 16:28
- Orgelstücke von Pierre Cochereau - Werni, 21.11.2012, 18:28
- Transkriptionen von Cochereau-Improvisationen - Cor de Basset, 21.11.2012, 19:33
- Transkriptionen von Cochereau-Improvisationen - untersatz32, 21.11.2012, 21:42
- Transkriptionen von Cochereau-Improvisationen - OrganisteTuttilaire, 21.11.2012, 22:43
- Transkriptionen von Cochereau-Improvisationen - untersatz32, 21.11.2012, 21:42
- Transkriptionen von Cochereau-Improvisationen - Cor de Basset, 21.11.2012, 19:33
- Orgelstücke von Pierre Cochereau - Werni, 21.11.2012, 18:28
- Orgelstücke von Pierre Cochereau - OrganisteTuttilaire, 18.11.2012, 16:28
- Orgelstücke von Pierre Cochereau - Cor de Basset, 18.11.2012, 17:48
- Orgelstücke von Pierre Cochereau - OrganisteTuttilaire, 18.11.2012, 18:30
- Orgelstücke von Pierre Cochereau - Tobias0989, 20.11.2012, 06:53
- Von Platte in Notentext - willscher, 21.11.2012, 16:44
- Von Platte in Notentext - JSBach, 21.11.2012, 18:36
- Von Platte in Notentext - OrganisteTuttilaire, 21.11.2012, 20:41
- Von Platte in Notentext - untersatz32, 21.11.2012, 21:33
- Von Platte in Notentext - OrganisteTuttilaire, 21.11.2012, 20:41
- Von Platte in Notentext - JSBach, 21.11.2012, 18:36
- Orgelstücke von Pierre Cochereau - OrganisteTuttilaire, 18.11.2012, 18:30