VOD/BDO-Tagung 2014 in Köln (II)
Was soll eine moderne Orgel können, was nicht? Wo sind die Grenzen der Orgel, und wie lotet man sie kompositorisch aus? Während Andreas als Vertreter des "Mainstream" fungieren sollte, kam Dominik Susteck die Rolle des Avantgardisten zu - so hatte er ein Papier verfaßt, in dem er Anforderungen an moderne Orgeln formulierte: "Aspekte für Orgelsachverständige und Orgelbauer zur Erstelluntg von Dispositionen, die sich zeitgenössischem Komponieren und neuer Orgelmusik ab 1960 öffnen".
Kurz zusammengefaßt, fordert er darin folgendes: 1) Winddrossel (durch Regulierung der Gebläsedrehzahl; Registertrakturen, die die Register beim Abschalten der Orgel geöffnet lassen); 2) stufenlose Regulierbarkeit von Tremulanten in Amplitude und Geschwindigkeit; 3) Beibehaltung des Werkprinzips, dabei im Idealfall dreimanualige Instrumente mit zwei schwellbaren Werken; 4) wieder vermehrter Bau von ungradzahligen Aliquoten (Septe, None) sowie Streichermixturen und durchschlagenden Zungen, möglichst in jeder Orgel eine Trompeteria; 5) beim Einbau von Multiplexwerken die Möglichkeit, jedes der Register einzeln und unabhängig auf jedem Manual und im Pedal registrieren zu können (dasselbe soll auch für die Trompeteria gelten); 6) Mixturensetzer - das Schwellwerk sollte immer mit einer zusätzlichen elektrischen Koppel versehen werden, auch das Pedal sollte elektrisch ansteuerbar sein; Koppel Pedal-Hauptwerk, Mixturensetzer (additive Koppeln beliebiger Intervalle zwei Oktaven nach unten und nach oben ins Hauptwerk sowie additive Koppeln eine Oktave nach oben ins Pedal); 7) Midi-Funktion bei elektrischen Trakturen, die alle Register einschließlich Potentiometer und Schwelltritte umfaßt; 8) Schlagzeug - mindestens ein Schlagwerk im Schwellwerk, das über Manuale und Pedal unabhängig angesteuert werden kann, Umstellbarkeit auf frei einstellbare Repetitionen.
Während die Diskussion zwischen Dominik Susteck und Andreas ein bißchen nach dem Motto "Zwei Stühle - eine Meinung" verlief - Andreas ist ja der Avantgarde durchaus nicht abgeneigt, und so verstanden sich er und D. Susteck nach meinem Eindruck eigentlich recht gut -, boten Sustecks Orgelbau-Thesen doch einigen Zündstoff für die folgende, teils doch recht temperamentvolle Diskussion.
Engagiert widersprachen Susteck Rudolf Meyer aus Winterthur, Frank Weimbs und Kristian Wegscheider - und auch ich. Mir selbst ging es dabei um das Können guter Organisten, von dem ich glaube, daß es solche "Effekte" nicht zwingend braucht - mein Beispiel war, wie in Lübeck (wenn auch dort in anderem Zusammenhang), das herausragende Improvisationskonzert Wolfgang Seifens zu Murnaus "Faust"-Stummfilm im Rahmen des letzten Hamburger Orgelsommers im Hamburger Mariendom. Diese Orgel erfüllt keine der Bedingungen Sustecks - und trotzdem macht sie überragende Musik möglich. Von daher scheint mir das *prinzipielle* Formulieren solcher Anforderungen problematisch.
Rudolf Meyer sprach in diesem Zusammenhang von einem "Kiosk" - bezogen auf die Orgel in St. Peter -, der der Orgel fremd sei, und von rasch ermüdenden Klangeffekten bei dem Stockhausen-Konzert, was bei Dominik Susteck entschiedenen Widerspruch auslöste; Kristian Wegscheider...
....reagierte ebenfalls temperamentvoll und verwies sinngemäß auf den "Kern" des Instruments. Interessanterweise scheinen solche Diskussionen immer wieder dieselben Thesen aufzugreifen, die schon viel früher diskutiert wurden: man denke etwa an Walchas These von der "objektiven Eigengesetzlichkeit" der Orgel. Wo hört die Orgel auf, wo fängt der "Kiosk" (R. Meyer) an? Sicher eine Frage, über die das letzte Stück Kuchen...
...noch nicht gegessen ist (und in einer solchen Diskussion auch nicht gegessen werden kann).....
Hallo!
Auch von mir herzlichen Dank für den tollen Bericht.
Ich möchte keine schlafenden Hunde wecken, aber insbesondere diese Diskussion über die "moderne Orgel" scheint mir eine Steilvorlage sowohl für Herren der Walcker-Stiftung als auch für die Orgelbauwerkstatt Walcker zu sein.
Denn: Alles schon mal dagewesen!
Sowohl die Vorschläge und Anforderungen Sustecks, die auf den Ideen von Ligeti, Bares & Co basieren und die teilweise in einigen Orgeln des Hauses Walcker (allen voran Sinzig, auch Warschau) und von Orgelbau Peter (Köln) realisiert wurden, als auch der Verlauf und Argumente der Diskussion. Das erinnert doch sehr an das Symposion der Walckerstiftung von 1968. Lässt sich alles in den Broschüren und Veröffentlichungen nachlesen, die die Walcker-Stiftung veröffentlicht hat.
http://www.gewalcker.de/gewalcker.de/PDF_public/Ligeti-Orgel.pdf
Tja, hat sich als nichts getan?!
Gruß
Karsten
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