Skinner / Wanamaker usw.

Erzaehler70, Samstag, 03. Dezember 2011, 00:42 (vor 5395 Tagen) @ kjz1
bearbeitet von Erzaehler70, Samstag, 03. Dezember 2011, 01:17

Die Begründung für die Riesenorgel in Atlantic City war aber gerade, dass man mit einem Orchester einen Raum von der Größe eines Flugzeughangars nie beschallen könne. Das wäre nur mit einer solchen Orgel möglich. Und wenn man die Briefe von Senator Emerson Richards (der Spiritus rector hinter diesem Projekt) liest, so hat er die ganze Orgel gründlich geplant.

...das meinte ich u.a. Diese Riesenorgeln sind m.E. nicht Ausdruck eines Größenwahns, der nur darauf abzielt soviel Pfeifen wie möglich so laut wie möglich zu installieren, sondern es steckt ein durchdachtes Konzept dahinter, dessen Studium zumindest mal nicht schaden kann. Ob man das gut findet, ist eine ganz andere Frage. Ich würde schon gern die Atlantic City Orgel mal so hören, wie sie ursprünglich gedacht war. Hinter der Wanamaker-Orgel steckt ja zum großen Teil die Orgelkonzeption George Ashdown Audsleys. Die kann man schön nachlesen in einer auch ansonsten sehr ergiebigen Onlinebibliothek mit scans historischer und (wie ich hoffe) copyrightfreier Literatur. Hier mal ein paar Beispiele, vielleicht gibts ja hier Leute, die das noch nicht kennen und die es interessiert ;-)

1. (z. Bsp. The organ of the twentieth century und Organ-stops and their artistic registration)

2. Originalpublikationen von E. Skinner finden sich hier:

3. einige deutsche Orgelfachliteratur aus dem 19. JH.

4. Bei der englischsprachigen Literatur muss man etwas mühevoll "organ" im Sinne von "Orgel" und "organ" im medizinischen Sinne trennen. Da haben wir es in der deutschen Sprache einfacher.

Die Lektüre ist auf jeden Fall interessant insb. wenn man aus heutiger Sicht auf die Entwicklung im Orgelbau des 20. Jahrhunderts blickt. Folgendes Zitat von Audsley finde ich besonders "spannend":

"TROMPETTE EN CHAMADE, Fr.—The term employed by
French organ-builders to designate a Trumpet, the pipes of which
are projected horizontally and fanwise from the front of the case, as
in the Organ in the Church of Saint-Ouen, Rouen (See Frontispiece).
This treatment is common in important and noisy Spanish Organs.
On both artistic and common-sense grounds the treatment is to be
condemned. No lingual stop should be without expression."
(in "Organ-stops and their artistic registration" S. 262)

Ich habe schon öfter gedacht "da ist was dran" wenn mal wieder eine Chamadenbatterie den vollen Plenumklang fast komplett "überschmettert". Gibts eigentlich irgendwo Chamaden in Schwellkästen? Damit keine Mißverständnisse aufkommen: Audsley hat Cavaille-Coll offensichtlich sehr geschätzt und er wird von ihm sehr oft als Musterbeispiel für "Premium-Orgelbau" genannt, Edmund Schulze aus Paulinzella in Thüringen übrigens auch.

Da ich gerade dabei bin: Hier gibt es einen sehr interessanten Text über die Geschichte der Skinner Company und jede Menge interessante andere Texte zum Thema Orgel.

Der alte Skinner hats wirklich nicht leicht gehabt in seinen späten Jahren. Durch sein biblisches Alter musste er praktisch noch erleben, wie seine Meisterwerke bis zur Unkenntlichkeit umgebaut wurden, auch noch von der Firma die er gegründet hatte. Was hier steht ist wirklich bitter. Jetzt ist die Orgel angeblich so hinüber, dass sie neu gebaut werden soll.

Ich wünsche ein schönes Wochenende. Es soll ja regnen, also ist bestes Lesewetter ;-))


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