Alu statt Blei?
Zur Grundthematik möge man sich erinnern, dass Elektrogeräte (=Orgeln) nach EU-Willen (und weil es vielleicht auch richtig ist), kein Blei enthalten sollen. Für Pfeifenorgeln wurden meines Wissens bereits zwei Mal aufschiebende Ausnahmen erwirkt. Im ISO Journal 74gibt es mehr dazu zu lesen, ich besitze es aber nicht.
Gleichermaßen gibt es auch Aktivistien speziell rund um historische Techniken des Kunsthandwerks, die Ausnahmen erreichen wollen. Beim Googeln fand ich auch andere Interessenverbände (z. B. Raumfahrtindustrie), die Anspruch auf Ausnahmen anmelden wollten.
Es geht um zwei Personen, zunächst Dr.-Ing. habil. Benjamin Milkereit, Gruppenleiter Werkstoffmodelle und Analytik und Mitglied der Leitung des Kompetenzzentrums °CALOR am Lehrstuhl für Werkstofftechnik der Fakultät für Maschinenbau und Schiffstechnik an der Universtiät Rostock. So der volle Titel - es geht ja auch um Wissenschaft.
Und Johann-Gottfried Schmidt, Orgelbaumeister und Restaurator im Handwerk in Rostock bzw. Kritzmow (knapp hinter der Rostocker Ortstafel..). Die beiden begegneten sich zufällig und kamen ins Plaudern und entdeckten gemeinsame berufliche Themen - vielleicht war es ja genau zu der Zeit, als die Blei-Frage im Orgelbau wieder hochkochte.
Man fand zueinander und überlegte, ob man nicht gezielt nach Ersatzmaterialien forschen sollte. So geschah es, und spätestens, als die ersten Studenten mit Forschungsarbeiten betraut werden sollten, bekam ich davon Wind, denn es kam zur Besichtigung unserer Orgel. Die bietet ja diverse Anschauungsmaterialien, denn neben Blei-Zinn-Pfeifen (zahlenmäßig viel, aber fast alles Mixturen…) haben wir Zinkpfeifen und - daher auch das Zeitungsfoto - eingesunkene bzw. auseinandergelaufene Zinkpfeifen.
Vor etwa einem Jahr oder so gab es eine erste studentische Arbeit, die auf unserem Gelände präsentiert und vom Professor bewertet wurde. Es war ein Kolloquium zum Projekt "Fügen von Orgelpfeifen aus Aluminium" - denn das war klar: Noch bevor man sich fragen kann, ob Alu-Pfeifen ausreichend gut klingen, stellt sich das Problem, wie man sie überhaupt anfertigen kann. Die traditionellen Fertigungsmethoden fallen aus, Löten ist nicht. Schweißen wäre kompliziert, bliebe noch Kleben…. ich kann mich nicht mehr an Details erinnern, aber es gab professionelle Versuchsreihen, in denen unterschiedliche "Fügetechniken" auf ihre Belastbarkeit getestet wurden, Bruchgrenzen ermittelt etc.
Damals erfuhr ich, dass eine größere Antragstellung (die jetzt positiv beschiedene) angedacht wäre. Es sind, wenn ich mich recht erinnere, wohl schon einzelne kleine Pfeifen gefertigt worden, es sollte aber eine Kleinorgel entstehen, die sowohl klassische wie auch Al-Legierungs-Reihen (bzw. jeweils eine) vergleichbar enthalten sollte. Das war damals Stand und nicht spruchreif.
Im Artikel geht es um eine Förderung von 780 TEUR für das Erforschen von "neuartigen Aluminiumlegierungen für Orgelpfeifen und anwendbaren Fertigungsverfahren". Viel Geld. Wer auch immer als erster draufkam - der Journalist oder der Bund der Steuerzahler? - jedenfalls wurde gefragt: Braucht man das? Gefragt wurde Friedrich Drese, unser regionaler OSV, auch für das Land tätig. Danach wurde ich angerufen, und im Artikel wird noch ein in Mecklenburg tätiger Orgelbauer als Gesprächspartner erwähnt - wenn das nicht Schmidt ist, kann es nur Andreas Arnold (Plau am See) sein (der auch die Anwendbarkeit eher im Ausland sieht, gleich mehr dazu).
Also, Drese sieht gart kein Land für so was, würde niemals etwas anders als klassisches Metall verbauen lassen und verweist auf die entsprechende Pflegepraxis des Bestandes im Land. Nach der Ablieferung 1917 hätte man Zink versucht, und davon wäre man auch begründet wieder abgekommen, das könnte hier ebenso passieren, abgesehen davon, dass erst einmal ein vergleichbares klangliches Ergebnis geliefert werden müsse.
Nun wissen wir ja, dass Zinkpfeifen wieder gefertigt werden, auch ohne Restaurierungsbezug. Natürlich vor allem für große Pfeifen. Zwar haben wir uns von der Pressspanplatte getrennt, Dreischichtplatte und sogar Multiplex sind aber in Gebrauch (siehe Kuhns aktuellen FB-Beitrag, wo eine aus Multiplex gearbeitete Windlade präsentiert wird und gesagt, dass man das "wie andere moderne Werkstätten" auch so mache. Ich kenne es vor allem von den Harrison-Fotostrecken.
Zu Beginn des Gesprächs kannte ich Dreses Position nicht. Erst nach meinen Antworten sagte der Journalist "Ihr Kollege sieht das ja ganz anders!" Das konnte ich insofern aufklären und so steht es auch drin, dass ich bei historischen Orgeln auch nur klassisches Metall sehe. Im Neubau großer Pfeifen, z. B. auch zur immensen Gewichtsersparnis und zum Stabilitätsgewinn bei den großen Pfeifen unserer Orgel, könnte ich mir das denken - ebenfalls mit dem Vorbehalt, dass der Klang vergleichbar sein müsse. Klangliche Kompromisse würden Orgelbauer und Kunden nicht eingehen nur um des Materials willen. Dass in MV dafür kein Markt bestünde, musste ich natürlich weitgehend bestätigen, verwies aber darauf, dass im Großorgelbau z. B. für Konzerthallen, und da erwähnte ich Chinas Kulturzentren-Boom (weshalb nun China als Markt im Artikel genannt wird, was natürlich neue Fehldeutungen zulässt), das eine Rolle spielen könnte. Oder wenn Orgeln an schwierige Wände gehängt werden müssen. (Die Absenkungen unserer Seitenflügel hätten wohl auch mit Alu-Pfeifen stattgefunden, aber trotzdem geht es um viele 100 kg Ersparnis, wenn man 16' und 32' in Metall offen hat). Auch erwähnte ich, dass die Fertigung der Pfeifen voraussichtlich komplett anders erfolgen müsste. Sollte Bleiverzicht Pflicht werden, würden einige Unternehmen den Wechsel auf sich nehmen und andere lieber den Beruf wechseln.
Mal wieder zur Rieger-Orgel vorne im Wiener Stephansdom: Die längsten 32'-Prospektpfeifen sind geklebt, wie mir Planyavsky sagte. Also jetzt nicht an Rund- und Längsnaht, so weit ich weiß, aber der Körper ist "gestückelt". Wenn man es weiß, findet man die Naht, aber man bemerkt sie nicht. So weit jedenfalls meine Erinnerung. Aber damals war das etwas, das man eher leise erzählte, und für manche OB wäre das mit dem Verbauen von Spanplatten vergleichbar. Aber man muss halt auch prüfen, ob's nicht doch was Gutes ist. Und erst die Zeit wird sagen, ob's auch hält. Aber da sind wir bei den Alupfeifen noch lange nicht.
Insofern interessiert mich schon, wofür das Geld jetzt verwendet wird. Der zitierte Satz von Drese „Das Geld könnte man an anderer Stelle besser ausgeben.“ mag vielleicht auch zutreffen, aber - das hatten wir ja grade anhand der Geldausgabe für das Würzburger Hochschulinstrument diskutiert - wäre es aus Sicht der Orgelwelt an anderer Stelle besser ausgegeben worden? Unwahrscheinlich. Ein virtuoser Förderantrag hätte eventuell z. B. unser Orgelprojekt in einen touristischen und damit wirtschaftlichen Kontext stellen können. So vielleicht. Daher muss man denjenigen, die den Förderantrag für die Alupfeifen formuliert haben, schon mal gratulieren. Man weiß halt auch, dass das Erjagen von Drittmitteln ein ungeliebter, aber hoch bewerteter Teil heutiger Forschungsarbeit ist.
Wir werden mit der Zeit mehr erfahren - und auch, ob das ganze Thema überhaupt tragfähig ist. Wenn es das nicht ist, behält auch der zitierte Geschäftsführer des Bundes der Steuerzahler MV Recht: „In der Preisklasse sollte das Ministerium vorab genau hinterfragen, ob eine Förderung der richtige Weg ist“.
Mich würde ja interessieren, ob der Journalist allein das alles zusammengebaut und -gedacht hat, oder ob ein unterlegener Antragsteller gleich mal den Steuerzahlerbund auf den Plan gerufen hat und das Ding so zum Medienthema wurde. Möglicherweise ist mit der NDR-Erwähnung und dem Ostsee-Zeitung-Artikel auch alles schon wieder vorbei.
gesamter Thread:
- Alu statt Blei? -
fluteceleste,
23.08.2024, 13:20
- Alu statt Blei? -
Karl-Bernhardin Kropf,
23.08.2024, 14:25
- Alu statt Blei? -
Karl-Bernhardin Kropf,
23.08.2024, 20:25
- Alu statt Blei? -
Karl-Bernhardin Kropf,
24.08.2024, 01:46
- Alu statt Blei? -
Orgelwaldi,
24.08.2024, 13:17
- Alu statt Blei? - jori, 24.08.2024, 13:41
- Alu statt Blei? - Karl-Bernhardin Kropf, 24.08.2024, 14:37
- Alu statt Blei? - fluteceleste, 25.08.2024, 00:13
- Alu statt Blei? -
Orgelwaldi,
24.08.2024, 13:17
- Alu statt Blei? -
Karl-Bernhardin Kropf,
24.08.2024, 01:46
- Alu statt Blei? -
Karl-Bernhardin Kropf,
23.08.2024, 20:25
- Alu statt Blei? -
Max Reger,
27.08.2024, 23:41
- OT: Alu statt Blei? -
Karl-Bernhardin Kropf,
28.08.2024, 08:01
- OT: Alu statt Blei? -
jori,
28.08.2024, 10:16
- OT: Alu statt Blei? - Karl-Bernhardin Kropf, 28.08.2024, 11:18
- OT: Alu statt Blei? -
jori,
28.08.2024, 10:16
- Forschung - war: Alu statt Blei? - Gast, 28.08.2024, 19:33
- OT: Alu statt Blei? -
Karl-Bernhardin Kropf,
28.08.2024, 08:01
- Alu statt Blei? -
friedemannw,
29.08.2024, 00:14
- Alu statt Blei? -
Contrebasson 32',
29.08.2024, 15:43
- Alu statt Blei? - friedemannw, 29.08.2024, 20:38
- Alu statt Blei? -
Contrebasson 32',
29.08.2024, 15:43
- Alu statt Blei? -
Karl-Bernhardin Kropf,
23.08.2024, 14:25