Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

Wolfgang Gourgé @, Samstag, 25. Oktober 2014, 16:17 (vor 4397 Tagen) @ Friedrich

Danke für die Links. Mich würden Meinungen des Forums zu der Aussage- und Überzeugungskraft des Gutachtens sehr interessieren. Da wird Wesentliches nicht nur in einem Satz sondern auch sehr subjektiv abgehandelt...


Ich habe auch gedacht, da werden eigentlich für ein Fachgutachten ein paar Gemeinplätze zuviel aufgefahren. Man braucht eine Orgel nicht einmal zu betreten, um so zu schreiben (womit ich nicht sagen will, er sei draußen geblieben). Möglicherweise fand Markus Eichenlaub aber einfach, dass die Kemperin einer genaueren Untersuchung nicht wert war, weil er vom Spieltisch aus ihren Wert eingeschätzt hat; und möglicherweise war auch bei der Gemeinde, dem Kirchenmusiker und übergeordneten Stellen kein hoher Widerstand zu erwarten, hässlich und unzuverlässig wie das Ding gewesen zu sein scheint.

Höchstens einen gewissen Dokumentationswert könnte so ein Abrissgutachten haben, und der ist hier eben verschenkt. Darum – und nicht um das alte Instrument – tut es mir am ehesten leid: dass man nicht erfährt, wie so ein Monstrum im einzelnen gebaut war und was für einen (mehr oder weniger) musikalischen Charakter es im Detail hatte. Wenn z. B. vorgeschlagen worden wäre, Material der alten Orgel zu benutzen, wäre der Gutachter gezwungen gewesen, ins Detail zu gehen.

...so sehe ich es auch.

Man darf natürlich nicht vergessen: es gibt "eindeutige Fälle", und da muß man nicht mehr allzuviel schreiben. Es genügt bei solchen "Kandidatinnen" ein summarisches Gutachten (wobei dann allerdings schon ein strenger Maßstab an die Eindeutigkeit anzulegen ist; z.B. wurde die schöne Hess-Orgel der Mannheimer Liebfrauenkirche auch fast das Opfer eines solchen summarischen Gutachtens, weil der OSV sie fälschlich für einen solchen klaren Fall hielt).

Ein wenig problematisch ist, daß das Gutachten nicht einmal die Disposition nennt und offenbar auch keine Fotos vorhanden sind. Das Beilegen einer Foto-CD wäre, wenn es um ein "Abbruchgutachten" geht, aus heutiger Sicht schon sinnvoll. Des weiteren finden sich kaum Aussagen zur Funktionsfähigkeit bzw. zu Funktionsstörungen. Dafür gibt es viel pauschales: Taschen, die alle 20 Jahre ausgetauscht werden müßten (fraglich bei guter Lederqualität und der in den letzten Jahren zu beobachtenden Elektropneumatik-Renaissance); Elektrik, die keine Möglichkeit der Beeinflussung der Ansprache gibt (zwar richtig, aber kein k.o.-Kriterium); nur drei Kombinationen (zugegebenermassen wenig, aber das entsprach dem damaligen Stand der Technik, Setzeranlagen lassen sich zudem nachrüsten, und wenn es nach dem Gutachten ginge, wäre dann auch jede rein mechanische Traktur bei dieser Größenordnung ein k.o.-Punkt....).

M.E. wird die Orgel aber wohl trotzdem richtig eingeschätzt haben: es spricht alles dafür, daß sie ein Produkt des künstlerisch anspruchslosen "Versorgungsorgelbaus" Kemperscher Machart war mit Priorität auf möglichst kostengünstigem Material und entsprechender Verarbeitung. Die unschöne äußere Gestaltung mit den klobig wirkenden Teilwerken in der Galerie und dem "klotzigen" Rückpositiv tut das ihre dazu.

Im August dieses Jahres spielte Martin Welzel in Lübeck/St. Marien. Freundlicherweise gab er mir die Gelegenheit, nochmal zur Hauptorgel hochzusteigen (was ganz normal durch den Südturm geht, man muß nicht mehr den "Stender-Aufstieg" über den Kapellenkranz machen). Von dort oben kann man an den langen Pedalpfeifen heruntersehen (in welch desaströsem Zustand sie sind, bekommt man dort unmittelbar mit) - und sieht die unter den Pfeifen in den "Balkonen" verbauten Spanplatten (!). Kemper hat wirklich keine Chance ungenutzt gelassen, sich zu ruinieren. Ein Orgelbauer, der selbst bei einem Renommierinstrument und Opus maximum wie der Marien-Orgel Spanplatten verwendet - noch dazu an Stellen, wo man sie von der Empore aus sofort sieht, ohne ins Gehäuse hineinkriechen zu müssen -, ist nicht mehr zu retten.

Gruß,
Wolfgang


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