Bericht: Neue Orgel in Montabaur (40 Register)

Orlos @, Freitag, 24. Oktober 2014, 23:04 (vor 4398 Tagen)

Eine komplett neue Orgel dieser Größe, ohne eine einzige alte Pfeife oder ein historisches Gehäuse übernehmen zu müssen, das kommt mittlerweile nicht mehr häufig vor in Deutschland. In Montabaur im Westerwald (aber mit ICE-Anschluss!) durfte die Firma Mühleisen aus Leonberg nun ein völlig neues Instrument aufstellen. In den frühen 50er Jahren ist dort eine Kemper-Orgel eingebaut worden, die wohl nie richtig funktiniert hat, einige Laden standen akustisch ungünstig auf den Seitenemporen. Der mittlerweile pensionierte KMD, der jahrzentelang auf diesem "Instrument" gespielt hat und immer von einer neuen Orgel geträumt hat, schilderte mir die Unzulänglichkeiten sehr anschaulich. Er freut sich über die neue Orgel und vertritt seinen Nachfolger gerne. Schön, dass es manchmal auch gute Zusammenarbeit zwischen Vorgänger und Nachfolger gibt, oft hört man eher von Schwierigkeiten.
Der extrem helle, fundamentlose Klang der Kemper-Orgel lässt verständlich erscheinen, dass man nun beim Neubau auf eine gut ausgebaute Gravität achtete: insg. 13 labiale 8'-Register und vier labiale 16'-Register sorgen in der Tat für ein sattes Klangbild (Disposition-pdf).
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Zum Werkaufbau: Das Rückpositiv (1. Manual) steht in der Brüstung, das Schwellwerk (3. Manual) rechts und links. Man sieht horizontal angeordnete Schwelltüren, doch nicht alle, das SW ist höher und klingt auch zwischen den Füßen der Prospektpfeifen hindurch. Ganz oben steht das Hauptwerk (2. Manual). Das Pedal verfügt nur über wenige eigenständige Register, die offene 16'-8'-4'-Reihe und die Posaunenreihe 16'-8' stehen hinten an der Wand, die tiefe Oktave des 32' liegt links auf der Seitenempore (mit eigenem Motor):
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Der Spieltisch steht freistehend hinter dem Rückpositiv mit Blick Richtung Westfenster. Hier lässt sich der Chor dirigieren, der vor dem Fenster auf mehreren Stufen stehen kann.
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Der Höreindruck ist ganz ordentlich. Beim einstimmigen Spiel irritiert zuerst die C-/Cis-Teilung des Schwellwerks, man gewöhnt sich aber schnell daran. Das Rückpositiv ist sehr präsent, das Gehäuse weist viele Öffnungen auf. Das Hauptwerk kommt am Spieltisch etwas abgeschwächt an, ich nehme an, dass es in der Kirche deutlicher zu hören ist. Leider hatte ich keine Möglichkeit, die Orgel von unten zu hören, deshalb sind alle Eindrücke unter dem Vorbehalt der Wirkung am Spieltisch zu sehen.
Die Spieltraktur ist angenehm, auch im gekoppelten Zustand. Der Spieltisch ist recht edel gehalten. Wenn man den Schlüsselschalter umdreht, leuchtet zuerst das Firmenlogo auf (rechts über 3. Manual).
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Für Motor und Licht gibt es Holzschalter. Auch die anderen Kunststofftasten besitzen eine Holzauflage.
Als Spielhilfen sind viele Setzerkombinationen sowie eine Registerfessel vorhanden. Das finde ist sehr sinnvoll. NOCH sinnvoller wäre es aber, dies auch als Fußtritt zu haben. Dort gibt es nur einen Sequenzer vor und zurück. Das mag im Konzert reichen, im Gottesdienst und zum Improvisieren ist es viel zu wenig. Die romantische Grundausrichtung der Orgel hätte auch den Einbau eines Crescendo-Tritts als sinnvoll erscheinen lassen.
Besonders im direkten Vergleich z. B. aller 8'-Gedackten fällt auf, dass die Intonation auf Grundtönigkeit und Fülligkeit ausgerichtet ist. Schön auch die unterschiedlichen 4'-Flöten, die Waldflöte 4' ist etwas neutraler und damit mischfähiger als die Traversflöte 4'. Ein "Problem", das man bei sehr vielen Orgeln antrifft, gibt es auch hier: Wie begleite ich die Traversflöte? Es gibt nirgendwo ein wirklich leises Begleitregister. Die Gambe 8' im HW ist eine Mittellösung, zum Begleiten zu laut, als Soloregister zu leise. Der Suavial 8' im RP ist ein recht kräftiger Streicher, auch eher grundtönig.
Die Orgel verfügt über insg. vier Mixturen. Im HW gibt es eine tiefe (für Rheinberger bis Reger) und eine hohe (gut für Buxtehude/Bach). Man kann auch beide zusammenziehen, z. B. für ein barockes französisches "Grand Plein-Jeu" (mit Principal 16'), das klingt gut. Die Mixtur im SW ist nicht zu dunkel, sie muss den fehlenden Clairon 4' ersetzen. Die RP-Mixtur ist vielseitig einsetzbar, nicht zu schrill.
Die Einzelaliquoten im RP erlauben viele schöne Mischungen. Allerdings ist die Doublette 2' zu hell, um ein französisches "Cornet décomposé" zusammenzustellen. Nimmt man stattdessen den Octavin 2' aus dem SW dazu, klingt es überzeugend - ich weiß aber nicht, ob dies auch unten noch gut klingt. Im SW gibt es leider kein Terzregister. Im HW ist der 2 2/3' schön färbend. Das Cornett ist mir persönlich zu prinzipalisch, als Soloregister würde ich es nicht einsetzen. Man braucht es, um die eher dunkle Trompete zu verstärken. Im SW sind die Zungen recht forsch, der 16' ist kein deutsches Fagott, sondern ein kräftiger Basson. Die Oboe dagegen ist als Drehdeckeloboe gebaut und eher zart. Im RP gibt es ein Chalumeau, welches weicher als ein Cromorne klingt und eher an eine Rohrschalmey erinnert. Es ist aber sehr vielseitig einsetzbar.
Im Pedal gibt es nur eine Zungenreihe. Als 8' ist die Trompete sehr kräftig: im erwähnten Grand Plein-Jeu für den Cantus firmus im Pedal gut geeignet, bei einer deutschen Fuge zu laut. Dann koppelt man die Trompete aus dem SW herunter, da kann man mit den Schwelltüren die Lautstärke richtig einstellen. Den Basson gibt es als elektrische Transmission, den Bourdon 16' auch.
Um das zu ermöglichen, müssen die 60 Pfeifen dieser beiden Register auf einer Einzeltonlade stehen. Auffällig war, dass diese Töne langsamer ansprechen als die mechanische Lade. Da muss man noch nachbessern.
Schön ist die Vorrichtung, bei Betätigung der 16'-Koppel in der tiefen Oktave die elektrische Lade mitzubenutzen. So hat man den Eindruck, das SW sei unten ausgebaut. Die 4'-Koppel war (noch?) nicht in Funktion.
Leider kann man die 16'-Koppel nicht alleine benutzen, also z. B. III-II 16'. So könnte man z. B. die Traversflöte als 8' mit der Flûte harm. kombinieren. Hier kann man aber nur III-II ziehen und dann III-III 16'. So erhält man immer zwei Töne.
Schön, dass der Manualumfang bis a3 reicht, viele meiner Lieblingsstücke brauchen diesen höchsten Ton.
Am Spieltisch klingt alles angemessen und unaufdringlich. Trotzdem ergibt sich ein kraftvolles, völlig ausreichendes Tutti. Chamaden oder Hochdrucktuben habe ich nicht vermisst. Die Bässe sind voluminös. Das Pedal verfügt über drei Reihen: Subbass 32'-16'-8', einen Prinzipalbass aus Holz 16'-8'-4' und eine Posaune 16'-8'. Nur das Cello 8' ist als "traditionelles" Register vorhanden. Das reicht aber, um auffällige Tonlöcher zu verhindern. Die Lösung überzeugt mehr als z. B. die nur zwei Reihen in Rüdesheim-Eibingen (Seifert). Gut auch, dass Pedal und HW jeweils einen eigenständigen Principal 16' haben und sich nicht mit einer Transmission behelfen müssen.

Ist es also eine perfekte Orgel? Man kann viel Musik unterschiedlicher Epochen überzeugend registrieren, die Traktur ist gut, Einzelstimmen und Kombinationen klingen schön, viele dynamische Abstufungen sind möglich. Alles klingt weich und füllig.
Das ist das einzige, was ich als Luxus-Kritik formulieren kann: mir fehlt ein bisschen das Urige, das Charakteristische, das Knorzige, wie man es bei historischen Orgeln oder vereinzelten Neubauten findet. Das ist aber absolut subjektiv, ein ganz persönlicher Eindruck.
Kosten übrigens etwa 800.000 Euro.


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