Hans Uwe Hielscher im Münchner Dom - Bootleg

Hausorgler @, Feldkirch/Vorarlberg, Dienstag, 02. September 2014, 19:22 (vor 4446 Tagen) @ abstrakte

Bei der Regelung zum Mitschneiden von Konzerten oder ähnlichem geht es m.E. darum, dem Ausführenden eine gewisse Kontrolle über sein tun zu lassen. Beispielsweise entspricht manches, was ich in Gottesdiensten oder auch bei Trauungen zu besten gegeben habe, nicht den Ansprüchen, die ich anlegen würde, wenn ich das gleiche Stück konzertant aufführen würde oder es sogar für die Ewigkeit auf Tonträger bannen würde. Daher würde ich es auch nicht begrüßen, wenn solch ein Beitrag durch Verbreitung über dritte quasi ein "öffentliches Eigenleben" entwickeln würde. Dazu gehört auch die Qualität der Aufnahme - wenn diese nicht den Ansprüchen des Künstlers genügt, sollte er die Möglichkeit haben, die Verbreitung von solchen Mitschnitten zu unterbinden.

Etwas abstrakter ausgedrückt: die Tätigkeit eines Künstlers (dazu zähle ich jetzt mal jeden, der in irgendeiner Form Musik oder anderes zum Besten gibt) besteht im wesentlichen ja darin, dass er mit einer von ihm geschaffenen Darbietung an die Öffentlichkeit tritt, um dieses "Werk" (das kann beispielsweise eine Interpretation eines Musikstückes, ein Musikstück selber, ein Bild, eine Statue, o. ä sein) zu präsentieren. Allerdings steht im m.E. auch das Recht zu, den Rahmen und die Gelegenheit dieser Präsentation selbst festzulegen. Und die Möglichkeit, die Aufzeichnung zu unterbinden, ist m.E. ein rechtliches Mittel, dem Künstler diese Wahl zu ermöglichen.

Ich verstehe das Anliegen durchaus, will aber dennoch ein bißchen gegen den Strich bürsten: Das Stichwort "Statue" ist ein ganz hilfreiches.
Wenn ich eine Statue mache und sie bei einer Vernissage für eine begrenzte Zeit in die Öffentlichkeit stelle, regt sich nachher keiner auf, wenn Fotos meiner Statue, die anläßlich der Vernissage gemacht wurden, zirkulieren und im Netz noch in 100 Jahren zu finden sein werden. Auch dann nicht, wenn die Fotos grottenschlecht sind. Noch deutlicher wird es, wenn ich eine Statue auf einen öffentlichen Platz stelle. Dann habe ich als Künstler überhaupt keine Kontrolle mehr darüber, wie mein Werk rezipiert wird.
Die technische Möglichkeit, Musik billig aufzuzeichnen ist viel jünger als die Möglichkeit, Sichtbares billig aufzuzeichnen. Vielleicht ist man deshalb bei Fotos nicht mehr ganz so empfindlich? Oder sollte man sagen: "Man hat da eben schon resigniert" ?

Ein anderes Thema, das mich schon länger umtreibt ist hier auch angesprochen, nämlich die Frage der Perfektion. Es ist verständlich, daß ein Künstler am liebsten nur seine ganz perfekten Schöpfungen öffentlich präsentiert wissen will. Aber warum eigentlich? Lebt das Kunstwerk nicht gerade auch von seinen Macken? Wollen wir nur keimfreie Perfektion? In der bildenden Kunst, muß ich ein Gemälde, eine Statue irgendwann abliefern, wie sie bei bester Mühewaltung eben geworden ist.
Anders bei heutigen professionellen Tonaufnahmen: Ich kann so lange wiederholen, bis die Aufnahme perfekt ist oder ich kann Patzer rausschneiden und nur diese Stelle neu aufnehmen und in die Aufnahme einfügen. Im Konzert kann ein langes und schweres Stück gegen Ende dazu führen, daß die Kraft nicht mehr zu 100% reicht. Na und? Das ist das Leben. Und genau dieses Leben blenden wir bei den hyperperfekten Aufnahmen aus.
Ich habe als Schüler vor Jahrzehnten bei einer Messias-Aufführung mitgesungen. Es waren 2 vereinigte Kirchenchöre. Laien. Orchester und Dirigent auch keine Profis. Sicher konnte das Konzert mit keiner Aufnahme auch nur im Entferntesten gemessen werden. Aber: Es geschah in einer Kirchengemeinde, die niemals ein Profikonzert bekommen würde. Es gingen Leute hin, die sonst niemals so etwas hören würden und es sangen Menschen Dinge, die sie sonst kaum einmal sich anhören würden. Ich bin überzeugt, daß diese Chorsänger über diese Musik mehr gelernt haben als vom 100maligen Abhören der weltbesten Aufnahme. Ob das heute noch möglich wäre ohne ätzende Kritik weil jeder Feuilletonist sich bequem 20 Top-Aufnahmen reinziehen kann? Was ich damit sagen will: Diese massenhaft erreichbaren perfekten Aufnahmen entmutigen die Kleinen, die sich nur um der Freude willen damit beschäftigen.
Und um wieder zur Orgel zu kommen: warum soll ein kleiner Landorganist nicht auch mal hören, daß ein Großer gelegentlich patzt. Es würde ihn ermutigen.


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