Münchener Dom, diesen Mittwoch

Friedrich @, Samstag, 19. Juli 2014, 14:52 (vor 4486 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von Friedrich, Sonntag, 20. Juli 2014, 18:00

Es hat sich noch garniemand über den Passionschoral im Hochsommer gewundert ...
*duckundweg*

Nein, im Gegenteil – wie schon geschrieben. Aber erstens der Reihe nach – und zweitens mit dem caveat, dass inzwischen ein paar arbeitsreiche Tage vergangen sind und ich aus dem Gedächtnis, mithin etwas pauschaler schreibe, als so ein Konzert es eigentlich verdient.

Ich war gespannt auf den Orgelklang. Janns Hauptorgel ist riesig, aber sie sitzt hoch im Turmbogen, und vor und unter ihr spannt sich eine tiefe Chorempore ins Schiff hinein. Der Dom ist lang und hoch, eine Hallenkirche mit mächtigem Volumen und harten Oberflächen – glattverputzte Wände und Säulen, hohe Fenster, ein mit Steinplatten ausgelegter Boden. Wir saßen etwa in der Mitte der Längsachse des Langschiffs, sodass wir die Andreas-Orgel in voller Sicht hatten: die große Orgel war hier, so hoffte ich, aus dem Klangschatten der Empore heraus.

Sebastian begann mit Buxtehudes Toccata d-Moll. Das Eingangsplenum war scharf und gläsern, transparent, hell; später erzählte er, dass er ohne HW-Prinzipal 8’ gespielt und das Ensemble aus den drei unteren Manualen zusammengestellt hatte. Für die erste Fuge und die Zwischentoccata ging er in den leichteren 8-4-2-Bereich zurück, die zweite Fuge klang schon lebhafter, und zum Schluss ging es schrittweise auf ein großes Plenum mit Rohrwerken zu. Sebastian spielte mit rhetorischer Freiheit, in schönem stylus phantasticus. Damit ging er an die Grenzen – und auch darüber – dessen, was hier noch durchhörbar wirkt. Je feiner und freier die fantastischen Figurationen, desto eher gingen sie in Wolkengestalt über. Ich fragte mich, wie das wohl in Lübeck geklungen haben mochte (auch wenn die Toccata wohl schon aus dänischer Zeit stammte) – und ob langsameres Tempo wirklich geholfen hätte; ob es nicht vielmehr den fantastischen Reiz des Stückes abgetötet hätte. Was auf diese Weise gut rüberkam, war das toccatenmäßige, quasi-improvisatorische Musizieren des plagalen d-Moll, das dieses Stück über weite Strecken bestimmt – die Toccata sozusagen schillernd aus der Adlerperspektive. Ganz schön eigentlich – und wie gesagt: Wie sähen Alternativen aus, in diesem Raum, an dieser Orgel?

Bachs Partita »Sei gegrüßet« legte Sebastian – so er selber – in Richtung des Alternativtextes »O Jesu, du edle Gabe« aus, der um die Metapher* von Jesu Blut gesponnen ist. Er bediente sich beider Orgeln, der Haupt- und der Andreas-Orgel, dialogisch ebenso wie im Ensemble. Die Registrierungen waren substanzhaltiger, vielleicht thüringischer, als im Buxtehude, auch in aliquotfreudigen, akustisch lohnenden Mischungen durch alle Lagen; und auch hier manchmal an der Tempogrenze – etwa in der Variation mit dem bewegten Bass, den viele Organisten gern als Basse de trompette darstellen. Auch hier war ein Rohrwerk dabei, aber es schillerte noch so manches andere mit. Überraschend, aber für Raum und Orgel maßstäblich: der erste Pedal-Cantus-firmus mit knarzender 32’-Zunge. In der vorletzten Variation wurde es, wie erwartet, komplex: Die Begleitung war eine dichte Fonds-Mischung beider Orgeln, das stammelnde »kleine« Solo erklang eher zart von vorne, das große streng von der Großen – so hörte ich es; Sebastian verriet, es seien beide dabeigewesen. Überwältigend dann die Schlussvariation im 16’-Plenum mit Rohrwerken beider Orgeln.

Sebastian hielt generell die Schlussakkorde gnädig kurz; der Klang ist sehr kräftig, ohne wirklich durchhörbar zu sein. Wie stark er ist, wurde hörbar, wenn ein Tuttiakkord aufgehoben wurde: Fast bruchlos geht dann der Klang in ein sehr mächtiges und langes Nachhallen über.

Dann kam die zweite Alain-Fantaisie, für mich der Höhepunkt des Abends. Nun waren Janns Streicher zu hören, und von ihnen aus die gesamte Spannweite der mächtigen Hauptorgel in all ihren Farbfamilien und dynamischen Schattierungen. Das Stück ist komponiert wie ein fantastischer (ich weiß, ist das vierte Mal, dass ich das Wort benutze) Monolog, oft deklamierend, immer von explosiver Ausdruckskraft. Das lag Sebastian hörbar, bis hin zum zeilenweise sich auflösenden Sesquialtera-Effekt kurz vor Schluss – einfach wunderbar. Orgel und Raum konnten ganz frei klingen, Sebastian sein rhetorisches Spiel ausleben.

Mit seiner Improvisation, so kam es zumindest mir vor, baute Sebastian möglicherweise eine Reverenz vor Franz Lehrndorfer ein, dem Vorgänger des Domorganisten Hans Leitner. Jedenfalls herrschte von Anfang an ein freundlich-tonaler, konzilianter Tonfall, verbunden mit lustvollem Gang durch die Klangressourcen der Jann-Orgeln. Hauptthema war das Salve Regina, später baute er auch noch »Nun danket alle Gott« ein. Zu hören war auch das Chamaden-Ensemble mit deutlich hörbarer, weil nicht ganz rein gestimmter (stimmbarer?) »Trompeta Quinta« 5 1/3’. Ein fröhliches Fugato entspannte sich mit dem Pedaleinsatz deutlich, schlug einen sequenzierenden Weg ein, und lange fragte man sich, ob nach den Anfangszeilen die »Nun danket«-Melodie rund gemacht werden würde. Sie wurde, und wie.

Der Übergang zu Regers Fantasie über »Ein feste Burg« überforderte trotzdem nicht, vor allem, weil die Komposition so klar strukturiert ist. Wieder nutzte Sebastian beide Orgeln, glücklicherweise nicht platterdings dialogisch, sondern als Ensemble. Die Andreas-Orgel bringt mehr Klarheit, aber auch erhebliche Kraft mit, eine echte Gegenorgel, auch gegen das zweieinhalbmal so große Werk im Westen. Hier passt Regers Überwältigungsrhetorik auch gut zu Raum und Instrument; es geht um alles, um Dinge, die “bigger than life” sind, und der Klang umfängt den Hörer hier von allen Seiten. Meine Vorfreude auf den Schluss wurde nicht enttäuscht: 16’-Streicher im Diminuendo, ein Traum. Einer mit Weckruf, versteht sich.

Mein Fazit: Mir hat sich wieder bestätigt, dass es sich lohnt, Sebastian beim Musikmachen zuzuhören. Virtuosität, Tempo- und Klangfantasie, Ausdrucksbedürfnis und geistige Durchdringung der Musik – all das hat man nicht so oft in diesem Maß an einem Fleck. Die Münchner Domorgeln sind eine andere Sache. Sie sind klassisch-edel in der Anlage, vielfältig, imposant und qualitätvoll und bewahren bei aller Kraft gute Mischfähigkeit aller Klänge; aber der Raum erlaubt es kaum, in den Klang hineinzuhorchen und auch Feinheiten zu genießen. Die Klangkraft scheint vom Raum diktiert zu sein – in einem Maß, dass man nicht von »raumbeherrschend« sprechen möchte. Die Andreas-Orgel ist jedenfalls kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit in diesem Raum. Die Hauptorgel allein brächte keine solche innere Strukturierung des Klangs zustande. (Die liebsten Konzerträume sind mir inzwischen ohnehin eher die mittelgroßen, die Klangmacht ebenso zulassen wie Deutlichkeit bis ins Zarteste.)

Es waren noch andere Forenser dabei, die vielleicht Einzelheiten ergänzen, Irrtümer richtigstellen oder Gegenmeinungen bekunden können; das fände ich sogar spannend. Für mich haben sich die vier Fahrstunden von Salzburg jedenfalls gelohnt, selbst wenn es hinterher im Münchner Gasthaus hieß, dass das Hirn aus sei, und sich auf allen Gesichtern Betroffenheit malte.

Viele Grüße
Friedrich


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