Marienkirche Lübeck - gehört und gespielt (II)

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Montag, 26. Mai 2014, 18:36 (vor 4543 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Zwischen Evensong und Konzert registriere ich auf der Kemper noch mal die Schalter ein, während unten Klaas Stok sein Programm anspielt. Ich stelle fest, dass die Totentanz-Orgel auch auf der Kemper-Empore nicht nur „irgendwie vernehmbar“ ist, sondern auch die Musik ankommt. Wenn unten aufgedreht wird, ist auch was da. Es ist keineswegs der Sound einer Hochschul- Unterrichtsorgel in einer Kathedrale.
Dann Konzert vor geringstem Publikum und einigem Hintergrundlärm der Festivitäten um die Kirche, diesen kann Unger aber durh Intervention etwas reduzieren.
Stok spielt viel Sweelinck und das auch sehr ansprechend. Sein Programm enthält außerdem einen spätromantischen-leichten Vorgänger im Amt (hab das Programm leider nicht zur Hand), bei dem auch mal ein echtes fortissimo erzeugt wurde, und von Bert Matter „Von Gott will ich nicht lassen“. Auch seine Impro war an Matter angelehnt. Dies klang in der großen Akustik sehr ansprechend. Persönlich fand ich sein Spiel für diese Akustik etwas zu dicht, aber meine Verwandtschaft meinte, unten auch alle Details verstanden zu haben.
Während des Konzerts war aber noch irgendein Mikro offen, und die Orgel kam so auch ein wenig durch die Anlage, was ihr eventuell zugute kam. Andererseits galt dies auch für den Umgebungslärm….

Naturgemäß kann ich zu meinem Beitrag nichts sagen, außer dass ich die Fantasie „Komm, Heiliger Geist, Heere Gott“ meines Vorgängers Nicolaus Hasse unter Ausnutzung der fünf Manuale eingerichtet hatte. Drei Werke waren auf 16’ registriert, das ist so eine Masche von mir, und geht auch in Rostock sehr gut. Das Pedal bot einen schönen 2’ Cornett, der in einer der Quellen eingetragen ist in Abwechslung mit „Posaun“. Diese ist nun bei Kemper aber allenfalls ein Fagott und muss durch die Trompete angereichert werden.
Ansonsten gab es David Eben (+ 1639) unter Verwendung des HW-Hintersatzes, den Unger nicht schätzt, und der 16’ Trompete. Leider war da die Stimmung schon arg beschädigt. Die Mendelssohn-Zeitgenossen Sponholtz und Zerg machten von der Schwellwirkung, die auf beiden SW durchaus vorhanden ist, Gebrauch. Die Improvisation über HAnSEtAGE war eher eine Geräuschentwicklung, nun ja.

Unger war inzwischen auf der Empore eingetroffen und setzte seine Moderation (vergaß ich zu erwähnen) per Funkmikro fort. Auch hatte er für den Kemper-Spielschrank eine Videoübertragung eingerichtet. Er fasste sich kurz mit einer Buxtehude Canzona, einem Tunder-Choral und Viernes „Cathedrales“. Schon eine Woche vorher zeigte er mir seinen „Franzosen-Ersatzklang“ - der ist nun wirklich eher eine Mangelanzeige. Also dieses Feld kann die Kemper-Orgel kaum beackern. Moderne Musik der strukturierten Art und das meiste aus der älteren Szene ist aber darstellbar.

Insgesamt erlebte ich beide Orgeln besser als früher und besser, als sie im Rufe stehen. Und das liegt halt nun mal auch an den Spielern (nein, ich meine nicht mich!!) bzw. am Hausorganisten. Und natürlich kann man an beiden Instrumenten „relativ“ gut Musik machen. Von daher könnte man Eberlein irgendwie Recht geben. Aaaaaber:

Die Kemper hat nichts wirklich Bemerkenswertes, außer der Größe, und die ist am stimmigsten noch in Gestalt des Spielschranks zu erleben. Dieser wird einst im Erdgeschoß oder im St.-Annen-Museum (oder bei Sixtus Lampl?) Eindruck schinden. Ansonsten enthält das Gehäuse nichts, was irgendeinen Denkmal-Status begründen würde, zumal meines Wissens auch keine historisch beeindruckenden Opfer für die Beschaffung der Orgel erbracht wurden. Das Gehäuse selbst war in meinen Augen stets ein schwacher Wurf, man vergleiche mit Beckerath, Schuke West und Ost und sogar mit Ott-Orgeln jener Zeit.
Und, so viel wird klar, wenn man richtig nah dran ist am Instrument: Ohne den Raum würde es schnell sehr erbärmlich wewrden, insofern wird auch der Nachnutzer dieser Orgel einige Kubikmeter Kirche in die Ehe einbringen müssen.

Da es sich aber bei Marien-Lübeck um einen Heiligen Ort der Kirchenmusik handelt, muss und darf man nicht mit 50 oder 70 Prozent Orgelinspiration zufrieden sein. 100 wären schon gut. Mein persönliches Fazit: Die K-O K. W.

Die Totentanzorgel ging räumlich sehr gut mit dem Chor zusammen, bzw. besser, als ich bei dem Abstand dachte. Auch ist in ihr doch Einiges sehr brauchbar, wenn auch nicht Spitze. Hier könnte ein reduzierender Umbau, der den Barock-Anteil verringert, ihr tatsächlich als Liturgie-Chor-Orgel Mehrwert verschaffen. Vorausgesetzt, eine Buxtehude-Orgel entsteht, und das wohl am ehesten als neue Totentanz-Orgel. Und warum soll sie unter dem Druck stehen, eine nicht-mögliche recht genaue Kopie der alten TO zu sein? Warum nicht „einfach so“ eine dreimanualige, streng norddeutsch um 1700 gehaltene Orgel neu bauen? Sicher stehen fußläufig vergleichbare Dinge (bzw. bald - Jakob und Dom. Und ob das Scherer-Gehäuse von Aegidien dauerhaft eine „Normal-Klais“ enthalten wird???), doch es ist legitim, in Lübeck-Marien gut Buxtehude hören zu wollen.
Das geht natürlich bis zu einem gewissen Grad auch auf einer „modernen“ Orgel, wenn der Diskant nicht zu sehr betont ist und die Disposition Aliquoten und ein paar enge/kurze Zungen enthält. Das erlebe ich ja an meiner Orgel sehr angenehm, dass, von der Temperierung abgesehen, die Norddeutsche Schule zu spielen wirklich Spaß macht.

Wenn eine neue alte T-O in die T-Kapelle kommt, muss aber die Astronomische Uhr weg. Auf den alten Platz hinter dem Altar. Und dann muss der (eingelagerte) Altar da hin. Und das sind wahrlich große Schritte.

Ich würde mit Unger nicht tauschen wollen, was die Aufgaben betrifft. Er ist aber voll motiviert, das sei schon mal in die Runde gesagt!

Johannes Unger hat definitiv keine personalisierte Lösung im Auge, sondern ist kundiger Sachwalter dieser Stelle. Sein Impuls ist jetzt historisch einfach dran, ich sag das jetzt mal etwas pathetisch, obwohl noch keiner genau weiß, wie er aussehen wird.

So, das war nun eine Menge Text.
Auf jeden Fall stimmt eines: Wer noch nicht in Lübeck war, muss da unbedingt hin. Es ist mit Abstand die schönste norddeutsche Stadt, isso. Das Annen-Museum ist eine unglaubliche Schatzkammer, und dann die vielen kleinen Gässchen, die edle kleine Laden-Szene…..

Das Motto des Hansetages war „Lübeck auf Immerwiedersehen!“.
Ich kann meinen nächsten Besuch gar nicht erwarten....!


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