Marienkirche Lübeck - gehört und gespielt (I)
Also, jetzt, versuch ich’s mal mit meinen angekündigten Schilderungen. Ausgeprägt persönliche Einschätzungen, vor allem auch Bezugnahmen auf mein Dienstinstrument, welches ja auch nicht unumstritten ist und in der der Lübecker nachgebildeten Rostocker Marienkirche steht, setze ich kursiv.
Von 22. bis 25. 5. fand in Lübeck der 34. Hansetag statt. Dazu hatte Johannes Unger auch ein Konzert (Nr. II aus der Reihe „Nachtklänge“) konzipiert mit Organisten aus Hansestädten. Als Gäste waren Klaas Stok aus Zutphen/Deventer und ich eingeladen. Wir sollten auch Musik mitbringen, so spielte Stok teilweise und ich ausschließlich Musik der Organisten unserer jeweiligen „Dienst-Kirche“. Unger hielt es dann am Abend mit Buxtehude, Tuner und Vierne ähnlich.
Eine Woche vorher hatte ich Gelegenheit, das Instrument - ich sollte wie auch Unger selbst die Kemper-Orgel nehmen, Stok sollte die Totentanz-Orgel spielen - zur Einregistrierung kennenzulernen.
Aufstieg über die Südturmtreppe - sehr vertraut der Weg zur Orgel, hier sind sich die beiden Kirchen doch sehr ähnlich (wenn man bei mir den „mittelalterlichen“ Aufstieg und nicht den barocken wählt). Die regelmäßigen Turm- und Gewölbeführungen erforderten eine Notbeleuchtung, die für gastierende Dach-Besucher wie mich natürlich beruhigend ist. Ich wusste schon vorher, dass Ernst-Erich Stenders legendärer längster Orgel-Aufstieg Deutschlands (Nordosttreppe, dann im Dach über den Kapellenkranz und das gesamte Langhaus entlang) ein Marketing-Gag war, denn es gibt noch einen weiteren Weg (Turmbereich Nordseite), um auch von innen kürzer zur Kemper-O. zu kommen.
Der Eintritt auf die Empore bestätigt zunächst die Einschätzung von unten, dass es nämlich ein „dickes Ding“ ist. Wer wirklich in der Kirche war und mal unter der Empore stand, weiß, wie unsympathisch weit sie auskragt. In unserem Gehäuse-Thread wurde ja viel über notwendige Schlankheit gesprochen - aber guckt Euch das bei Eberlein eingearbeitete Bild doch mal genauer an, dann ahnt ihr, dass das Ding ganz „normale“ Ladentiefen aufweist (nicht vergessen, die auskragenden Chamaden sind 8’ und 16’!). Sicherlich kann mein keinen Hildesheimer Tunnel oder eine Speyerer Tiefe erreichen, aber es ist nicht so schwierig wie in Chartres, Brüssel oder im Kölner Langhaus.
Atmosphärisch ist es eher enttäuschend. Zwar ist man faszinierend nahe an den Malereien und versucht natürlich, sich die Seitenemporen vorzustellen, aber an blickt in die vielen Zugstangen, und hat wenig „Himmel“-Gefühl, da man ja schon relativ weit oben ist.
Einweisung in den Spielschrank - viele wissen es ja: Alles ist doppelt, links und rechts stehen alle Register als Wippen und in drei freien Kombinationen zur Verfügung, das Pedal hat zusätzlich zwei freie Kombinationen. Ergibt also insgesamt 8 Registrierungen, für’s Pedal in gewisser Weise sogar 12, die gleichzeitig vorbereitet sein können. Mit einem Helfer und etwas Geschick kann man da schon etwas machen, aber bei 123 Bedienelementen sind auch schnell Grenzen erreicht. Dennoch fand ich die Registrierbarkeit im Vergleich zur Schalteranzahl für Gäste relativ gut erlernbar.
Die Orgel ist vom Spielschrank aus relativ gut abhörbar, die Trakturen sind alle brauchbar (das 5. Manual ist ohnehin elektrisch), trotz meiner Größe kann ich, was selten ist, gut das Pedal spielen und die Schwelltritte bedienen. Die zahlreichen Fußschalter meide ich, die Beschriftung ist viel zu klein.
Unger hat die Walzenbesetzung leicht verändert, ich habe aber die Walze leider aus dem Blick verloren und sie dann auch in der Impro im Konzert nicht genutzt - vielleicht wäre es günstig gewesen.
Klangeindrücke:
Ich kann die Worte Petersens auf S. 17 des Gutachtens ab dem ZWEITEN Absatz völlig bestätigen. Dass die Prinzipale wie stärkere Flöten klingen, würde ich so nicht sagen, sie wären mir dafür etwas zu dünne. Ich habe nur mal ganz kurz in ein Pedalgehäuse geguckt - die Augen bestätigen die Ohren, es ist alles recht schmal. Bei Petersens erstem Absatz (Klangentfaltung) gehe ich nicht so mit, dazu gleich mehr.
Insgesamt gab es keine Stimme, die Sehnsucht nach ihrem Einsatz weckte. Ja, es gab Stimmen, die ihrer Rolle besser gerecht wurden als andere. Die Zungen fallen da eher ab. Problematisch auch die Stimmung: Ich hatte für gewisse Soli länger an Registrierungen feilen und eigentlich „bessere“ aufgeben müssen, weil wichtige Töne flirrten etc. Da ich gute Möglichkeiten für Stimmungen unterstelle, sehe ich hier konstruktive Probleme (Aufstellung auf der Lade und Mensurierung/Intonation) als Ursache dafür, dass es solche Effekte relativ reichlich gibt.
(Eine Woche später erfuhr ich, dass vier Gebläse von drei Stellen aus arbeiten, leider auch aus dem sonnenbeschienenen Südschiffdach. Das aufblühende Sommerwetter führte zu erheblichen Verstimmungen, obwohl Unger noch in der Nacht vor dem Konzert an beiden Orgeln viel gearbeitet hat.)
Dennoch dachte ich mir nach der Übungseinheit: So eine Orgel ist deutlich besser als keine Orgel!
Noch ein Detail: Der Spielschrank ist durch Empore und RP doch etwas abgeschattet, wenn man keine Erfahrungen mit solchen Riesenräumen hat, macht man sich anhand des direkt hörbaren Nachhalls eine Vorstellungen vom großen Raumklanganteil im Publikumsbereich.
Der Konzerttag:
Wir waren als Familie nach HL gefahren und haben den Hansetag sehr genossen. Es gab viel „Re-Enactment“ (Seeschlacht mit vier Koggen) und eine Vielfalt von Ständen und Beiträgen der 120 Hansestädte. Diese 1980 wieder gegründete Veranstaltung wechselt durch die Städte - sie ist bis 2039 ausgebucht…! In Rostock wird er 2018 sein, zum 800jähigen Stadtjubiläum…
Ein Fixpunkt natürlich für Rostocker Kirchenmusiker: Ein Evensong in St. Marien mit der Lübecker Knabenkantorei.
Zum Einzug (mit Vortragekreuz) Franz Schmidts Halleluja-Praeludium. Meine Frau sagte gleich: „So laut habe ich die Orgel noch nie gehört!“ Und dabei saßen wir ganz vorne. Sicher, der Satz liegt hoch, aber doch hatte sie recht und es wurde klar, dass EES’ Gebrauch der Orgel mit zu ihrem Ruf beitrug. Und deshalb gehe ich auch ab von Petersens Einschätzung, dass sich alles so über die Hörer hinweg entwickelt. Nein, gut registriert und gut artikuliert kommt durchaus etwas an, und es ist auch verständlich. Beim Nachspiel (Schmidt-Fuge) ging ich nach hinten bis zur Mitte, und da wurde es doch auch noch lauter. Aber mir wurde ja schon von den Probespielen zur Stellenbesetzung berichtet, dass die Lübecker sagten: Wir wussten gar nicht, dass die Orgel so klingen kann…!
Obwohl sich Kantor Müller auf unseren Rostocker Gottesdienstablauf (sehr nach englischer Kathedralpraxis) bezog, hatte er ihn doch noch einmal entschlackt. So gab es (noch) keine gesungenen Preces/Responses, und die beiden Gemeindelieder blieben im Gemeindegesang, es gab keine Chorstrophen oder Descants. Auch gab es noch keinen anglikanischen Psalmengesang, sondern einen Psalm mit mir noch aus dem GL bzw. GGB bekanntem Kehrvers mit einstimmiger Psalmodie samt Orgel - einem Kantorale? Da bin ich allerdings nicht mehr kundig, woher das war.
Aber als Canticles Stanford in C, das war sehr schön. Der Knabenchor (mit Männerstimmen) ist gut, aber die Jungs (ab 9 Jahre, ca. 14 Soprane und ähnlich viele Altisten, nur etwa halb so viele Männerstimmen jugendlicher Art) hatten natürlich auch zu tun. Die Hallpausen in den Stanford-Doxologien zeigten aber, dass auch sie Einiges an Schall in den Raum sandten (sie sangen von den Stufen das Altarraums). Begleitet hat übrigens eine Assistentin auf der Totentanz-Orgel, dynamisch etwas starr und wenig englisch im Klang, aber erstaunlich synchron. Es wurde eine Video-Anlage verwendet.
Eine schöne Sache, Evensong in Lübeck-Marien, obwohl Müller im anschließenden small talk sich noch nicht auf eine Fortsetzung der Evensongs festlegen wollte. Die Knabenkantorei ist ja auch mit anderen Sachen sehr aktiv, während wir in Rostock fast nur die Evensongs vorbereiten. Nun, so eine schmale seitlich aufgestellte Chororgel nach Mutin/CC wäre schon nett, aber es ist doch so, dass der Raum sehr empfindlich ist. Lettner-Wiederaufbau oder „englische“ Seitenschiff-Orgelschränke…. man müsste schon Einiges verdauen, wenn diese Visionen realisiert werden sollten. Am Schreibtisch schien mir derlei ganz plausibel, aber wenn ich dann dort in der Bank sitze….
Fortsetzung
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stein,
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Bauernflöte 2',
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elfengeschrey,
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samuelscheidt,
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Friedrich,
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untersatz32,
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jrbecker,
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26.05.2014, 11:25
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26.05.2014, 11:00
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