Symposion Lübeck, St. Marien (II).....

Hausorgler @, Feldkirch/Vorarlberg, Dienstag, 20. Mai 2014, 19:44 (vor 4546 Tagen) @ Orlos
bearbeitet von Hausorgler, Dienstag, 20. Mai 2014, 19:51

Es ist ein ungeheuer vielfältiges Feld und ich muß zugeben, daß da zwei Herzen in meiner Brust schlagen.
Einerseits begrüße ich es, wenn die schlimmsten Kriegsverluste wenigstens in Rekonstruktionen wieder aufleben. Gerade die Dresdner Frauenkirche halte ich für ein Paradebeispiel: Die Stadt hatte mit diesem Bau ihr Herz verloren. Ebenso halte ich es mit der Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau (diese fiel den Sowjets zum Opfer). Ich kenne die Stadt mit und ohne wiederaufgebaute Kathedrale. Der Bau ist städtebaulich eigentlich unverzichtbar. In Polen wurden ganze Altstädte rekonstruiert. Ich denke, auch als Rekonstruktionen erzählen solche Bauten Geschichte. Sie erzählen von den Jahrhunderten der Stadt und sie erzählen von der großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts.
Auch der Wiederaufbau der Paderborner Marktkirche und dabei vor allem die Rekonstruktion des gigantischen Hochaltares halte ich für richtig. Der Bau hat mich begeistert.
Letzte Woche war ich in Siegburg. Und immer wenn ich in den Städten des Rheinlandes bin, sehe ich diese schrecklich verätzten Wunden, die der Krieg dort geschlagen hat. Für mich sind diese Städte in weiten Teilen seelenlos geworden. Die Nachkriegsbauten erzählen nurmehr von der Katastrophe, aber sie erzählen nichts mehr von der vorherigen Geschichte dieser Städte - und sie sind alle gleich. Zum Verwechseln ähnlich.
Andererseits gibt es da bei uns im Süden den Barock, der mit großem Mut Neues hervorbrachte: Ganze Abteien wurden abgetragen und neu erbaut. Es ging unglaublich viel Romanik und Gotik verloren. Aber es entstanden berauschende Bauten. Diese möchte ich auch nicht missen. Und sie wären ohne den Totalabriss nicht entstanden. Wo man nicht abriß, hatte man keine Hemmungen, gotische Rippen abzuschlagen und durch Wessobrunner Stuck zu ersetzen. Und selbstverständlich hatte man nirgendwo Hemmungen, in gotische Räume herrliche barocke Prachtorgeln oder Hochaltäre einzubauen. Gerade Kirchen leben durch die Jahrhunderte. Und ich finde, man darf ihnen dieses Leben, die Zeugnisse aus allen Jahrhunderten, ansehen. Die größten Katastrophen waren die Purifizierungen des 19. Jahrhunderts (zB Bamberger Dom), aber auch die Kahlschläge der 60er und 70er Jahre des 20. Jhdts. Meines Erachtens deshalb, weil man gleichzeitig nicht in der Lage war, das Hinausgeworfene durch Kraftvolles zu ersetzen. Was aber kraftvoll ist, vermag die jeweilige Gegenwart leider kaum zu beurteilen. Da gebe ich Ihnen völlig Recht.
Wenn allerdings aus einem Schloß ein Einkaufstempel wird, ist das nur noch lächerlich. In Hannover vermisse ich das Schloß bei den Herrnhäuser Gärten sehr. Ein Barockgarten ohne sein Schloß wirkt geköpft. Hoffentlich geschieht der Wiederaufbau seriöser als in Braunschweig. Und im Berliner Fall bin ich sehr gespalten. Immerhin hat man dort noch originale Spolien, die man wieder einsetzen kann. Andererseits ist die Rekonstruktion sehr halbherzig. Richtig indentifizieren kann ich mich da nicht.
Was die von Ihnen angesprochenen Orgeln anlangt, gehe ich bis auf ein Beispiel voll d'accord: Memmingen. Diesen Prospekt finde ich voll daneben. Ihre positive Einschätzung hat sicher genauso gute Gründe. Und das zeigt, wie schwierig es ist, die Dinge zu beurteilen. Objektivität gibt es wohl nicht.
Diesen Prospekt in meinem Heimatort habe ich nie gemocht. Ich fand die "gotischen Paraphrasen" weder Fisch noch Fleisch, empfand die Lösung allzu simpel. Noch mag ich den Prospekt nicht, aber ich finde ihn nicht mehr sooo katastrophal wie noch vor fünf Jahren. Ist es nun Gewöhnung oder reift meine Ästhetik nach? Ich weiß es nicht. Allerdings finde ich diese Lösung besser als die Memminger Lösung.


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