Anschnallen: Was sich Theologinnen wünschen

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Donnerstag, 02. April 2026, 22:31 (vor 148 Tagen) @ Subbass1

Tatsächlich: wo z. B. sind im Gremium Komponisten von Rang und ihre Beiträge?

An wen sollte man da denken? Diejenigen, die Kompositionsaufträge von Rundfunk-Orchestern oder Opernhäusern erhalten?
Die Lieder - um diese geht es bei einem Gesangbuch - waren schon bisher äußerst selten von "Komponisten von Rang". Sie waren von Kirchenmusikern, selten mal in älteren Jahrhunderten von Personen, die man als Singer/Songwriter einstufen könnte. Meist wurde im konkreten Umfeld gearbeitet - die Dichtungen häufig von Pastoren bzw. Theologen, die Melodien von den angeschlossenen Lieferdiensten in Gestalt der Kantoren.
Ob vom Meister oder nicht: Ein gutes Lied braucht Bewährungszeit - insofern gehe auch ich davon aus, dass wir die Mehrheit (oder Vollzahl) der jetzt im Vorentwurf enthaltenen Lieder, die jünger als 8 Jahre sind, in einem nächsten Gesangbuch (wir stellen uns das jetzt mal so vor...) fehlen werden (und auch nicht im übernächsten wieder reinkommen). Der Gebrauch, der Wechsel der Zeiten, das filtert und braucht aber auch Zeit. Paul Gerhardt ist immer noch da, weil seine Worte so vielseitig anschlussfähig sind. Sicherlich fand man die Lieder auch schon zu seinen Lebzeiten gut. Aber dass seine Worte in einem Zeitabstand gesungen werden würden, den er selbst von den Baumeistern der gotischen Kirchen hatte - das hätte er und hätten die Zeitgenossen sich nicht träumen lassen.

Nehmen wir den westlichen LKMD der Nordkirche, Hans-Jürgen Wulf. Von ihm kenne ich zwei Kanons und einige gute Sachen für Bläser (= kirchliche Posaunenchöre). Das ist für mich Kompetenz genug, er ist auch in einer Kommission, ich weiß aber jetzt nicht in welcher. Leute vom Format Stockhausen, Lachenmann, Henze oder Rihm sehe ich da nicht. Ein schlechtes Lied erkennt man auch ohne deren Expertise, ein gutes meist auch, langjährige Nachhaltigkeit exakt einschätzen könnten sie ebenfalls nicht.
Sind jetzt auch schlechte Lieder im Vorentwurf? Ja, einige. Aber wie schon festgestellt wurde, da ging es dann jeweils weniger um die Qualität von Dichtung und Tonkunst, sondern um ein Gefühl oder opportune Inhalte. Das ist so offensichtlich, teilweise ja sogar angekündigt, dass es auch wieder keines Aufstandes bedürfte. Weil diese Motive aber nicht zur Disposition stehen, wird die Forderung nach einer Entfernung solche Lieder zugunsten bewährterer, die aber das bestimmte Gefühl oder bestimmte Inhalte nicht bedienen, erfolglos sein.
Das ist wahrscheinlich ein gewisses Novum in der Gesangbuch-Macherei. Wobei die Nüchternheit des EKG auch in gewisser Weise politisch gewollt war. Das EKG sollte gefühlsarm sein, denn Leidenschaft, so fürchtete man, bringt wieder Volksstürme hervor. So wurde das Buch protestantisch-verkopft.* Das EG von 1992 griff dann schon mal wieder ein wenig in den Schmalztopf. Und nun... naja.

*) Ein Kollege hörte im Studium in Hamburg Ende der 60er noch von Otto Brodde (verdienter Hymnologe): "Tochter Zion" und "O du fröhliche" haben in einem evangelischen Gottesdienst nichts verloren!)


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