Anschnallen: Was sich Theologinnen wünschen

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Freitag, 27. März 2026, 14:57 (vor 157 Tagen) @ Rochus Schmitz

Hier noch ein längerer (kritischer) Beitrag zum neuen Gesangbuch.

Der von Friedrich verlinkte Text, aber hier vom Inhaber gehostet. Danke beiden!

as an diesem Text schon mal angenehm ist, ist der Tonfall. Es wird ja durchaus ausgeteilt, aber belegt und ohne Metaphern, dass man ja auch nicht dies oder jenes täte.
Da Frau Westenfelder hier in Rostock promoviert, könnte man sich vielleicht mal auf einen Kaffee verabreden. Aber davon wird ihre Rezension nicht anders (höchstens künftige Äußerungen) und das Gesangbuch ebenfalls nicht.

Wie auch beim streitbaren Wolfgang werden hier schpn Punkte gemacht. Ein wenig gegenhalten möchte ich aber auch - und ich habe diesmal nichts davon, bin null amn dem Buch beteiligt.

Die Kritik am NGL und seiner Qualität ist mir zu schematisch. Es gibt wirklich gute Stücke, im jetzigen und auch im kommenden EG. Und ja, es gibt wieklich schlechte. Aber hier las es sich so, als wäre nach dem Pietismus kaum ein vernünftiges Kirchenlied mehr geschaffen worden. Die Autorin bedauert das Verschwinden von "Christ unser Herr zum Jordan kam". Wir in der Orgel-Bubble denken natürlich an die wunderbare Choralbearbeitung - aber wer hat das Lied schon mal im Dienst gespielt? Ich bin sicher einer der am breitesten aufgestellten Organisten, habe es aber in fast 35 Dienstjahren maximal ein Mal benutzt. Natürlich ein sehr guter Text, auch die Melodie - die übrigens ebensowenig oder -viel von einer heutigen Gemeinde rhythmisch korrekt abgesungen werden kann wie das im Artikel wiedergegebene Notenbeispiel. Tja, das ist der Moment der Personen, die der Gemeinde die Lieder halt vermitteln. Kirchenmusiker:innen eben. Auch bei einfachen Noten wird sich angehängt, aktives Lesen ist äußerst selten geworden, Und mancher Synkopenpop lässt sich schwierig notiern, aber leicht nachsingen.
Zurück zu diesem Lied und geschätzten Klassikern wie "Vaterunser im Himmelreich" oder "Es ist das Heil uns kommen he": Reimbildungen wie "und will das Beten von uns han" oder "all drei Person' getaufet han" lesen sich unter Abschaltung des kulturellen Respekts genauso ärgerlich wie die im Sacropop immer häufigeren Reime von "das will ich nehm'" auf "dieses Problem" etc. (hab grad kein Beispiel zur Hand). Gerade auch die Gener der Gendersternchen oder Punkte nehmen die Apostrophe gerne in Kauf, solange sie Martin Luther dienen. Auch das jetzige und schon das vorige Gesangbuch haben Härten der Dichtung vor der Opitzschen Reform bzw. der ältesten Lieder evangelischer Gesangbücher vorgenommen. Von eienm Urtext, der jetzt erst gecancelt würde, kann man da nicht sprechen. Nun ja, ein weites Feld.
In meiner Kirche gehe ich am Bildnis Heinrich Müllers vorbei, daselbst Prediger, Superindent und Theologe der Rostocker Uni. Autor mehrerer Andachts- und Gesangbücher (bei letzterem mit starker, nicht immer kenntlich gemachter Anleihe anderer Autoren). Viele hundert Nummern stark. Mein Vorvor....gänger Nicolaus Hasse hat ca. 50 Texte vertont. Einige Lieder nutze ich in Kirchenkonzerten - sie sind nicht alle gemeindetauglich, waren wohl damals auch schon zur gepflegten häuslich-gutbürgerlichen Andacht vorgesehen. Von diesen hunderten Texten haben sich über Picander einige Zeilen in Bachs Matthäus-Passion gerettet, und wurden zu höchstem Kulturgut veredelt. Aber die Ausschuss-Quote liegt bei 99 Prozent (Ich habe das Digitalisat von Müllers "Seelen-Musik" durchgescrollt, das meiste will man so heute nicht mehr hören, allenfalls museal-konzertant nutzen).
Das aktuelle und das kommende Gesanbuch (wird) enhalten ebenfalls Lieder, die zum ersten und zum letzten Mal in einer groß aufgelegten Publikation erscheinen.
Jetzt wieder zurück hu Frau Westenfelder: Mit ihr wird man die allerfrischesten Zugänge zum Gesangbuch hinterfragen und Zeitgeistigkeit feststellen müssen.

Ihre und anderer Leute Kritik an der Kommission: Schon gestern schrieb ich hier die Anekdoten aus der Synode der Nordkirche oder dem Kirchenleitungs-Ausschuss, und ja, noch einmal: Das Demokratische, das Mehrheits-Orientierte, das ist das Allerheiligste im aktuellen deutschen Protestantismus. Man möchte fast sagen, dass jedes katholische Papst- oder Bischofswort, welches allein schon katholischerseits heftige Kritik der Basis erzeugt, Wasser auf die Mühlen der Bewahrer evangelischer Gemeinde-Dominanz ist.

Parallelen gibt es: Man wird einem katholischen Bischof zustimmen wollen, dass die Frage, ob Gott existiert oder Jesu Grab leer war nicht einfach mit einer Abstimmung auf einer Tagung geklärt (oder überhaupt geklärt) werden kann. Und die Frage, was in einem Evangelischen Gesangbuch stehen soll, kann auch nicht vorwiegend von Menschen entschieden werden, die schon vom aktuellen Buch überhaupt nur 10 Prozent oder weniger wahrgenommen haben, da entweder kaum im Gottesdienst gewesen oder dortselbst nicht auf gute Singbetreuung (= anständige Kirchenmusik) getroffen. Ihre Stimmen sollen gehört werden, ja, aber im Lutherischen "aufs Maul schauen".

Wolfgang Gourgé beschreibt den Untergang des Abendlandes, wenn es um Gesangbuch und Co. geht. Im Arbeitskreis, an dem ich gestern teilnahm, wurde berichtet, dass man im Laufe der Jahre Menschen kennen gelernt hat - und es gibt sie noch - die in Ämter aufgestiegen sind und deren Programm die Freude an der Zerschlagung alles Bestehenden war. Sie haben es selbst geäußert.
Ich aber meine, dass es in dieser Krise auch eine positive Wahrheit gibt: Genau das, was die Zerschlager (durchaus passend: Zerschlagenden) behaupten, nämlich dass erst ein Leer-Raum entstehen muss, damit Neues wachsen kann (Zustimmung meinerseits) - genau dieses Prinzip wird sich einst auch ihrer annehmen.
Ich behaupte aus Überzeugung, dass ein schlechtes Gesangbuch (ich halte das kommende aber nicht wirklich für ein solches), schlechter Gottesdienst, eine qualitätlose Kirche, all das, was aus konservativ schubladisierten Kreisen kritisiert wird, einfach durch Verdorren, Absterben Platz machen wird erneut für Neues, welches aus der schon heute vereinzelt wahrnehmbaren Sehnsucht nach Tiefgang kommt.
Dieses Neue wird sicher über keinen automatischen Kirchensteuereinzug verfügen, sehr wahrscheinlich noch nicht einmal über irgendeine Rechtsform. Es wird sogar relativ divers sein, auf jeden Fall aber eher Salz als Suppe, und man wird vielleicht die Stimme senken, wenn man darüber spricht. Doch es wird Tiefgang haben.
Daher begegne ich dem Neuen Gesangbuch gelassen und werde meine Rosinen daraus picken und fleissig in die letzten Dienstjahre packen.

(Ddem Niedergang der ex-Volkskirchen begegne ich weniger gelassen, weil ich mir Sorge um die kostbaren Gebäude und auch die Arbeitsmöglichkeiten der jungen KiMu(-Studierenden) mache. Aber bei letzterem passen sich die Zahlen ja ohnehin den Möglichkeiten des Systems an, bleibt nur noch der Denkmalschutz als Herausforderung.)


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