Notre Dame de Paris

Karsten, Montag, 09. Januar 2012, 23:26 (vor 5360 Tagen) @ Orlos

Ketzerisch gesagt: Sind wir sicher, dass die CC in ihrer originalen Gestalt das optimale Instrument für diesen Raum war? Anders als in St. Sulpice musste der Meister in Notre-Dame einige Kompromisse eingehen, und so klanggewaltig wie Rouen klang sie unten ganz sicher nicht.

Kleiner Einspruch: Die "Kompromisse", insbesondere was die (gewollte) Übernahme historischen Pfeifenmaterials (auch was Mixturenzusammenstellungen angeht) musste oder wollte Cavaillé-Coll auch bzw. vor allem in St. Sulpice eingehen. Dort musste er beispielsweise alte Windladen wiederverwenden (daher die relativ "kleine" Pedalregisterzahl und der ungewöhnliche Standort von Registern auf Grundstimmenladen, die eigentlich auf die Zungenlade gehören). Folglich kann man abgesehen von der Temperierung und der Intonation französisch-klassisches Repertoire mit originalen Pfeifen und Mixturen spielen, was in Notre-Dame nicht ging. Daher hat ja Cochereau hin zu einer "Universalorgel" die Orgel um neobarocke Mixturen, das klassische Recit und das 32-Mixturen-Plenum auch hin zu einer französischen Barockorgel erweitert.
Cavaillé-Colls erster (genehmigter) Dispositionsentwurf umfasste eine Orgel etwas von der Größe in Rouen. Dabei war noch Auflage gewesen, das Rückpositiv wiederzuverwenden. Als Violet-le-Duc dieses Abreißen und die größere Holzempore einziehen ließ, hatte Cavaillé-Coll noch mehr Möglichkeiten und baute seine bis dahin "innovativste" und "experimentierfreudigste" Orgel. Zu nennen sind u.A. die konsequenten Aliquotreihen sowie Zungenchöre gleicher Bauart in den einzelnen Werken. Die Disposition wuchs von ca IV/60 auf V/86 Register. Wie so oft bei Cavaillé-Coll auf eigene Kosten...

Nicht zu vergessen: Louis Vierne hatte zahlreiche Umbaupläne, wovon ein Teil auch verwirklicht worden war. Der Mann kam schon damals viel in der "Welt" herum und konnte die Defizite der ursprünglichen CC-Orgel wohl gut einschätzen. Ich glaube nicht, dass man viele Organisten mit einer strengen Rekonstruktion begeistern könnte.

Stimmt, aber bei allem Respekt vor Vierne, schaut man sich seine Umbaupläne an, so ist fraglich, inwieweit die denn tatsächlich realisierbar gewesen wären.
Die Umbaupläne bezogen sich vor allem auf die Spiel- und Registertraktur, also Elektrifizierung und damit Ermöglichung der modernen Spielhilfen (Setzer, Koppeln, usw.)
Desweiteren sah er den Ausbau der Manuale auf c5 (ausgebaute Superoktavkoppeln) und den Einbau weiterer Schwellkästen (GO, POS) vor. Faktisch wäre das ein technischer Neubau unter Verwendung des Pfeifenwerks gewesen. Ob da bei alter Windladenanordnung Platz genug wäre, ohne dass sich die Werke und Schwellkästen gegenseitig "im Weg" stünden?
Wobei eine weitere Vorgabe Viernes, den Klang und die Intonation der Pfeifen unangetastet zu lassen, so wohl kaum zu verwirklichen gewesen wäre. Tournemire fiel mit dem Umbau "seiner" Orgel diesbezüglich auch auf die Nase...
Von den Registern wünscht Vierne übrigens keine Hochdrucktuben, sondern einige (Pedal-)Transmissionen, Umstellungen von Grundregistern und Addition einiger weniger Register (davon ein Cor Anglais als einzige Zunge).
Zugegeben, die Sub- und (ausgebauten) Superoktavkoppeln würden der Orgel einen zusätzlichen "Wumms" geben (wie man heute auch teilweise erleben kann), aber Vierne wird dabei nicht nur an Lautstärke, sonder auch an Klangfarbeneffekte gedacht haben...

Kurz: So unzufrieden war er klanglich nicht mit der Orgel, nur eben diese verflixt komplizierte schwere Traktur...

Gruß
Karsten


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