Notre Dame de Paris
Ich dürfte mal Olivier Latry ausführlich interviewen, und da haben wir auch über die Orgel gesprochen. Deswegen ein paar Kommentare aus dem Gedächtnis.
2. Was war die Intention Cochereaus für den gravierenden Umbau (Elektrifizierung usw.) damals?
3. Warum wurde der Verlust so vieler Originalsubstanz damals billigend in Kauf genommen? Zeitgeist?
Weil Cavaillé-Coll dem Monsieur Cochereau wenig galt, aber die neoklassische Klangkonzeption (und der Komfort elektrischer Spieltische) sehr viel. Also mussten Cavaillé-Colls extrem spezielle Mixturen- und Zungenchöre raus und etwas Helleres, Klirrenderes hinein. Wenn ich es recht verstehe, hatte Cochereau damals so etwas wie carte blanche. Fast wundert man sich, dass überhaupt etwas übrigblieb. Vielleicht war es dann doch eine Geldfrage.
4. Was spräche gegen eine Rückführung und eine neuerliche Integration des mechanischen Spieltisches von 1868 (ggfs. unter teilweiser Beibehaltung neuerer Register - sofern möglich)? In St. Sulpice geht das doch auch...
Dagegen spräche, dass die heutigen Musiker die Möglichkeit sehr schätzen, sowohl die Pleins-jeux progressifs und die Toulouse-Chamaden à la Cavaillé-Coll als auch die neoklassischen Plena und Aliquoten zur Verfügung zu haben, mitsamt all der Kombinationsmöglichkeiten, die die Elektronik bietet. Latry sagte, er hätte davon in seiner Messiaen-Einspielung ausgiebig Gebrauch gemacht. Er schwärmte durchweg von der Notre-Dame-Orgel im jetzigen Zustand – und noch ein bisschen mehr schwärmte er von Notre-Dame selber, gerade für Messiaens Musik.
So sehr mich die Orgel in ihrer heutigen Gestalt fasziniert, so sehr empfinde ich sie leider auch als unkontrolliert mutierten Abklatsch einer ehemaligen CC ...
Das finde ich schwer einzuschätzen. Es ist doch immer noch viel vorhanden, und Boisseaux und Cattiaux kennen sich fraglos sehr gut aus und behandelten die Originalsubstanz offenbar mit Respekt. Die Wiederherstellung der originalen Winddrücke hat der Orgel in meinen Ohren – die sich leider fast nur auf Aufnahmen verlassen können – eine Menge der weichen Charakteristik zurückgegeben, wie man sie auch in Saint-Ouen hören kann, das kommt mir authentisch vor. Und die neuen Chamaden passen gut dazu. Immer noch vorhanden ist überdies die originale Barkermechanik für die Register, alle Windladen, der Schwellkasten usw.
Latry behauptete, man könne die Orgel nun genauso klingen lassen, wie Vierne sie kannte, was in der Zwischenzeit nicht mehr möglich gewesen war. Aber es geht eben auch Cochereau, weil z. B. das Kleinpedal und das neoklassische Plenum in der Orgel belassen wurden – und die alten Chamaden doch auch (oder nicht? Bitte korrigieren). Latry meinte, die neoklassischen Mixturen seien perfekt gewesen für »Les Anges«. Die kann ich mir mit C-Cs Progressivmixturen auch nicht so recht vorstellen, dito Musik von Leuten wie Dupré, Duruflé, Langlais …
Fazit: Ja, es ist eine »ehemalige Cavaillé-Coll«, aber offenbar mit einem soliden originalen Kern. Und: Sie wird geliebt.
1. Die Orgel scheint durch die Umbaumaßnahmen seit den 1950ern eher anfälliger geworden zu sein?
Die technische Anfälligkeit der Orgel nach dem Cochereau-Umbau scheint mit dem erneuten Umbau behoben zu sein. Die neue Elektronik war leider offenbar nach dem Bananenprinzip (»reift beim Kunden«) konzipiert. Die erste Überarbeitung scheint das im Großen und Ganzen behoben zu haben (sagte Latry mir damals). Ich kann mir vorstellen, dass es diesmal weniger um Mängelbehebung geht als darum, die Möglichkeiten noch zu erweitern, das Ganze noch verlässlicher und vielleicht, durch neue Bauteile und/oder Software, schneller zu machen.
Klar, das Problem hätte man in Saint-Sulpice nicht. Aber manches andere eben auch nicht.
Gruß,
Friedrich
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