elektrische Koppeln

Friedrich @, Sonntag, 20. November 2011, 20:00 (vor 5408 Tagen) @ kjz1
bearbeitet von Friedrich, Sonntag, 20. November 2011, 20:25

Was ich auch nicht verstehe, wenn man durch die elektrischen Koppeln ja schon 'ein bischen schwanger' wird, warum man dann nicht den ganzen Weg hin zur elektrischen Spieltraktur geht. Sub-, Super-, Inter- und Intra-Manualkoppeln, dazu noch Transmissionen und Extensionen, ein Hochdruckwerk, aber dann bitte doch mechanische Spieltraktur. Hmmm...

Und ja, ich kann es mir gut vorstellen, dass in Deutschland die elektrische Traktur immer noch als 'unanständig' gilt. Eine 'späte Nachwehe' der Orgelbewegung? Ich weiss es auch nicht.

Ich glaube, Sie liegen da richtig. Und es gab ja auch viele gute Gründe für Schleifladen mit mechanischer Spieltraktur. Sehr lesenswert finde ich da diese beiden Artikel des verstorbenen Stephen Bicknell, von dem noch viel zu lernen gewesen wäre. Er sagt aus Orgelbauerperspektive zum Beispiel ganz klar: Mechanik und elektrische Koppeln zu synchronisieren ist unmöglich (und ich erinnere mich an einen Nachmittag als Tastenhalter am Spieltisch der Freiburger Hochschulorgel, während der unter den Pedalladen eingeklemmte Orgelbauer regulierte und fluchte, fluchte und regulierte und dann mit einem Kompromiss rausgekrochen kam, der in einem Dom nicht groß was ausmacht, im Konzertsaal allerdings hörbar bleibt). Bicknell hat unter anderem den viermanualigen Spieltisch dieser Orgel geplant, komplett mit dem rein mechanischen Koppelchassis – eine Aufgabe, von der er mit einer Mischung aus Stolz und Schaudern erzählte. Aber der Kompromiss mechanisch mit elektrischen Koppeln kam eben nicht in Frage, Punkt.

Bicknell formuliert seine Argumente aber vor allem kompromisslos musikalisch: Bei elektrischer Traktur leidet die Intonation, und sie führt in Versuchung, das Pfeifenwerk auf unmusikalische Weise zu nutzen (es verstreut aufzustellen oder durch Transmissionen und Luxuskoppeln so auszuwringen, dass es am Ende nur noch uninteressant und farblos intoniert werden kann). Das sind richtig gute Gründe, finde ich. Deswegen schweige ich auch zu den hier in letzter Zeit viel diskutierten Gaidophonen, bis ich mal eines gehört habe.

»Unanständig« ist dann vielleicht doch nicht ganz die richtige Formulierung, weil es nach verschämter Klangmode klingt. Es gibt aber gute musikalische Gründe, eine Orgel mechanisch zu bauen. Will man etwas anderes, muss man die erstmal aufwiegen. Bicknell war, wie sich aus seinen Aufsätzen und mehr noch aus seinen Piporg-L-Beiträgen herauslesen lässt, zunehmend frustriert davon, wie schnell die Musikalität – auf die es für ihn einzig ankam – geopfert wurde für ein oder zwei Register, Manuale oder Organistenegos mehr. Er zog sich irgendwann ganz aus dem Orgelbau und der Orgelwelt insgesamt zurück.

Gruß,
Friedrich


gesamter Thread:

 

powered by my little forum