Orgelweihe Speyer

Benjamin Danner, Montag, 19. September 2011, 08:25 (vor 5468 Tagen) @ Karsten

Hallo zusammen,

gestern Abend fand ja bekanntlich um 20 Uhr das Konzert statt.

Am Eingang gab es ein kleines Heftchen in dem die Stücke erläutert wurden. Des weiteren gab es das obligatorische Organistenprotrait, die Disposition der Orgel (inkl. Erwähnung des Sinua-System) sowie ein recht detailliertes Schnitt durch die Orgel aus dem man die sichtbaren Teile erkennen konnte, außerdem die Position der Windladen im Gehäuse etc. nennt anzusehen - und kostenlos! Großes Lob hierfür.

Als ich gegen 19.30 Uhr eingetroffen bin waren die beiden Seitenschiffe schon komplett belegt, das Mittelschiff komplett für Gäste mit Einladung reserviert. Daher musste ich im Seitenschiff neben dem Hauptaltar, mit Sicht zur Rückseite der Chororgel, Platz nehmen. Es wurden noch eifrig Zungen gestimmt wobei cih mir die Frage stellte: waren die mittags schon so verstimmt - nicht gut - oder haben die sich seit dem Mittag so verstimmt - überhaupt nicht gut???

An meiner Sitzposition war man schon arg weit vom Geschehen weg - dies ist bei den nachfolgenden Kommentaren zu berücksichtigen. Generell könnte man (für diese Sitzposition!) das schon häufig zitierte "große Fernwerk" als Beschreibung der Orgel verwenden. Aber zunächst mal das Programm mit ein paar Kommentaren:

Percy Withlock March (1903 – 1946):
Der im Programmheft groß angekündigte "Fanfaren"-Beginn blieb doch vergleichsweise zahm. Das Stück war nett anzuhören insbesondere aufgrund der Tatsache, dass zusätzlich zur Hauptorgel auch, das einzige Mal an diesem Abend, die Chororgel mitwirken durfte. Daher war das Hörerlebnis an meiner Sitzposition durch deren Klang dominiert, das Zusammenspiel funktionierte aber soweit ganz gut. Natürlich kam der Klang der Hauptorgel mit 2-3 Sekunden Verzögerung an, aber das ist halt Physik. Da kann man ja bekanntlich nix ändern...


Johann Sebastian Bach Passacaglia in c BWV 582 (1685 – 1750)
Die Registrierungen waren "brav" aber angemessen. Tendenziell würde ich sagen, dass die Orgel sich für roamtische Musik besser eignet. Der Gesamtklang hätte etwas "barocker" sein dürfen. Wobei natürlich der extreme Nachhall zu berücksichtigen ist. Getragene Tempi sind praktisch unumgänglich, ansonsten ensteht ein großer Klangbrei.


Jürgen Essl Zeit und Leben (*1961):
Die Stücke wurden extra für die Einweihung komponiert - und ließen mich etwas fragend zurück. Die Erläuterungen im Programmheft waren schon sehr weit gefasst und der Bogen erschien mir fast schon überspannt. Man könnte fast meinen, man hätte Anspielungen auf die Vergangenheit der Spenderfamilie finden können...
Musikalisch konnte ich mit den Stücken rein garnichts anfangen. Man hat jedoch gemerkt, dass die Stücke genau für diese orgel komponiert wurden. Es wurden viele verschiedene Klänge vorgestellt - im Programmheft wurden auch seltenere Klänge angekündigt, das trifft es - wobei auch hier die Orgel vergleichsweise zahm blieb.


Robert Schumann 6 Studien in kanonischer Form für Pedalklavier op. 56 (1810 – 1856):
Schöne Musik, aber sobald es mal etwas kräftiger Wurde verschwomm der Klang doch ganz gewaltig. Ob Herr Eichenlaub vor dem Konzert mal eine Chance hatte die Stücke, von einem anderen gespielt, im Kirchenschiff, ggf. auch an unterschiedlichen Positionen, zu hören? Ich glaube eher nicht. Insbesondere wenn im Pedal mehrere 16' oder sogar 32' zum Einsatz kamen war an meiner Sitzposition das Pedal doch extrem penetrant ohne sauber zu wirken. Schade. Die sphärischen Klänge und die Flörenstimmen wirkten sehr schön.


Charles-Marie Widor Symphonie Nr. 6 g-Moll op. 42/2 (1844 – 1937):
Sicher DER Klassiker an diesem Abend. Auch hier gilt das bereits Gesagte: bei bewegten Stellen und kräftiger Registrierung war nurnoch Klangbrei vorhanden - schade. Auch der Schlussakkord wirkte mehr wie von einem fernen Schwellwerk. Ggf. hätte man hier nochmals die Chororgel mitverwenden können.

Sonstiges:
Im Programmheft wurde das im alten Forum bereits diskutierte Sinua-System erwähnt wobei die Erläuterungen, für den Laien sicher ausreichend, nebulös blieben. Was hat man z.B. unter einem "personalisierten berührungslosen Einschalten" einer Orgel zu verstehen? Oder unter "freien Koppeln" (ok, das könnte man sich ggf. noch erklären)?

Die Dauer des Programm war mit fast 2h grenzwertig. Es verließen vergleichsweise viele Zuhörer während dem Konzert die Kirche.

Der Applaus setzte nach Ende des Programm spontan ein, war aber gefühlt nicht so richtig kräftig.

Es gab eine (improvisierte?) Zugabe bei der die Celesta (?) verwendet wurde.

Zur Orgel: Der Entwurf des Prospekte gefällt mir. Witzig finde ich den Spiegel über dem Organisten, man kann ihm sozusagen bei der Arbei zuschauen. Die verspiegelte Decke der Sängerempore mit ihren Mustern gefällt mir persönlich nicht. Als ganz gurselig habe ich die Kombination aus warmweißer Beleuchtung des Spieltischs und kaltweißer Beleuchtung der darunter liegenden Sängerempore empfunden. Sowas erzeugt bei mir Augenkrebs. Generell hätte man der Orgel eine schöne Beleuchtung gewünscht - aber vielleicht kommt die ja noch. Herrn Eichenlaub konnte man leider beim Applaus nur am Spieltisch erahnen.

Was bleibt:
Die Orgel klang passabel, an meiner Sitzposition leider sehr verschwommen. Ob sie genug Kraft hat weiß ich ehrlich gesagt nicht. Der Bass wirkte teilweise sehr mächtig dröhnend, aber leider nicht so sehr klar. Man muss wohl die Tempi mit sehr viel Bedacht wählen. Bei Gelegenheit werde ich mal zu einem Konzert mit Eintritt gehen - da wird dann wahrscheinlich nicht ganz soviel los sein - und mir den Klang im Hauptschiff anhören. Optisch könnte man noch ein paar Details an der Orgel verbessern (Beleuchtung). Insgesamt hat mich der Abend - leider - mehr fragend als glücklich zurückgelassen.

Viele Grüße
Benjamin


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