Schlüchtern = Schüchtern?

ArnezN, Sonntag, 04. September 2011, 17:01 (vor 5482 Tagen) @ jrbecker

Hallo zusammen,

ich oute mich als Schlüchtern-Absolvent, habe meine Orgelprüfung im letzten Sommer endlich abgelegt. Und es hat Spaß gemacht. Jeder meiner - ich glaub, es waren fünf - Kurse hat Spaß gemacht. Und damit bin ich schon beim ersten wichtigen Punkt: In Schlüchtern treffen sich auf den Kursen meist junge Leute, die jüngsten gerade konfirmiert, die meisten so zwischen 16 und 18. Sehr viele davon, wie ich einst auch, vom Land, wo sie halt beim Regionalkantor Unterricht haben und sobald sie wissen, was ein Choralbuch ist, von ihren eigenen Gemeinden zum Orgeldienst verdonnert werden. Und dann kommt man nach Schlüchtern, bekommt für zwei Wochen einen anderen Orgellehrer, lernt dabei die unterschiedlichen Herangehensweisen an das Instrument, den Unterricht, die Literatur kennen. Und man lernt gleichaltrige Leute kennen, die auch so "Freaks" sind und Orgel spielen - auf dem Dorf sicher kaum möglich! Manche Freundschaften halten da noch Jahrzehnte über das Kursende hinaus.
Nun aber zum inhaltlich-musikalischen:
1. Wie gesagt, der - wenn auch nur kurzzeitige - Wechsel des Lehrers kann niemandem schaden, auch wenn man, wie ich auf einem Kurs dann bei einem Straube-Enkelschüler dessen Herangehensweise vermittelt bekommt.
2. Dieser "Input" motiviert einen für Unterricht und gottesdienstliches Spiel nach dem Kurs. Ich habe dort schon Ideen mitgenommen, von denen ich immernoch profitiere.
3. Vorspiele manualiter 8'+4' lehrt da schon lange keiner mehr. Im Gegenteil, auf einem Kurs gab es einen besonderen "Improvisations"-Unterricht, der sich zwar auf "wie mache ich aus dem Choralbuchsatz ein spannendes Vorspiel" beschränkte, aber man darf nicht vergessen, dass die Teilnehmer noch nicht unbedingt die 10-jährige Gottesdiensterfahrung haben.
4. Die Anforderungen der Prüfungsordnung sind höher als z.B. hier in Niedersachsen. Zugegeben, für einen, der seine Gottesdienste seit zehn Jahren nach Gesangbuch spielt und sich beim Nachspiel auch lieber an einer Fugenimprovisation als an einem Walther-Komm heiliger Geist vom Blatt probiert, ist sie falsch ausgerichtet. Aber das ist natürlich ein Problem der Bewertbarkeit. Ich habs mit viel Üben aber trotzdem geschafft, alle Choräle einigermaßen nach Choralbuch vom Blatt gespielt (auch mit obligatem C.f.) und meine Exemplare jetzt verliehen...
5. Zur Registrierkunde: Bitte auch hier nicht vergessen: Die meisten der Teilnehmer kennen nur ihre drei im heimischen Umkreis befindlichen Bosch-Orgeln und haben sich noch nie Gedanken über Registrierungen gemacht. Und wenn man mit Blick auf die Standard-Boschorgel die Anleitung liest, sieht man vielleicht über manche Ungenauigkeit hinweg. Das ist keine Wissenschaft, sondern ein Skript, dass den jugendlichen, unerfahrenen Prüflingen beim Lernen für die Prüfung dienen soll Und Bosch-Zungen klingen in der Elevationstoccata vmtl. wirklich nicht gut. Außerdem werden alle Standardregistrierungen an der Schuke-Orgel der Stadtkirche in Schlüchtern, wo die Prüfungen stattfinden, wieder obsolet, da da zur Choralbegleitung Prinzipal 8' und 4' das Maximum sind - aber das ist ein anderes Thema.

Viele Grüße von einem überzeugten Schlüchteraner,
Arne


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