Schlüchtern = Schüchtern?

jrbecker @, Sonntag, 04. September 2011, 07:56 (vor 5483 Tagen)

Eigentlich wollte ich es ja als einmaliges Versehen abtun und gar nicht weiter darauf eingehen. Aber Wolfgangs wiederholten "Angriff" auf Schlüchtern-Absolventen kann ich nun doch nicht so ganz auf mir sitzen lassen... ;-)

Ja, ich habe meine C-Prüfung in Schlüchtern gemacht, und ich stehe dazu. Denn ich habe sie anderes gemacht als die meisten Schlüchtern-Absolventen: nämlich in "nur" einem Kurs und wenn es nach dem Willen der damaligen Leitung gegangen wäre, hätte ich am Ende dieses Kurses kein Prüfungszeugnis mit nach Hause genommen (... was aber eine andere Geschichte ist). Aber ich habe echt das Gefühl, ich bin hier der einzige, der die Klostermauern von innen kennt... will sich noch jemand bekennen? (Interessant fände ich es schon!)

Nun aber zu Wolfgangs offensichtlich doch sehr verfestigten Negativ-Meinung: Wie schrieb er in einem anderen Thread:
"Das reflexhafte Abstoßen des 2. Achtfüßers, daß so viele orgelbewegte Organisten unter dem Stichwort "Äqualverbot" verinnerlicht haben (besonders, wenn sie auf der Kirchenmusikschule Sch(l)üchtern waren....scnr....), gibt es so also nicht."

Und im anderen:
"Das Liedvorspiel kann ja auch ganz frei sein und dabei die Stimmung und den Anlaß reflektieren. Und deshalb habe ich mir da noch nie irgendwelche Fesseln anlegen lassen und werd's auch künftig nicht tun. Sowas überlasse ich den Kirchenmusikschule-Sch(l)üchtern-Absolventen und den "Orgelbuch-zum-Gotteslob"-Notenzählern, bei denen jedes Vorspiel sklavisch mit 8' und 4' - "Registrierung" brav manualiter gemacht wird."

Ich war zu einer Zeit in Schlüchtern, wo das "Äqualverbot" dort noch gelehrt wurde, und ich habe mich für die Dauer des Kurses natürlich auch daran gehalten - man will ja nicht seine Prüfung riskieren... Trotzdem gehören zur Umsetzung einer Lehrmeinung immer zwei Seiten, nämlich neben dem Lehrenden auch der Schüler, der darüber entscheiden muss, ob er das Gelehrte auch annimmt und umsetzt. Zumindest da habe ich mich in dem ein oder anderen Punkt doch als resistent erwiesen bzw. das Gehörte nach eigener Prüfung in der Praxis entweder übernommen oder verworfen. Und ich weiß von einigen anderen Kursteilnehmern, dass auch sie ihren eigenen Weg gefunden haben. Zumal es ja auch immer mehrere Möglichkeiten gibt, Lehrmeinungen zu überprüfen, verstand sich Schlüchtern doch zumindest zu meiner Zeit als Ergänzung zum lokalen Unterricht vor Ort beim "eigenen" Orgellehrer. Und wenn man dann wieder zum "heimischen Herd" zurückgekehrt ist, gehe ich soch einmal davon aus, dass bei solchen Irrtümern der eigene Orgellehrer auch entsprechend auf seinen Schützling eingewirkt haben müsste.

Den zweiten Vorwurf dagegen, dass Liedvorspiele "sklavisch mit 8' und 4' - "Registrierung" brav manualiter gemacht wird" kann ich aus meinem absolvierten Kurs nicht nachvollziehen. In meinem Kurs zumindest wurde da eine andere Praxis vertreten, zumindest so wie ich es in Erinnerung habe (es ist ja schon einige Jahre her). Schließlich war der Leiter ja ein LKMD, der die Möglichkeiten seiner dreimanualigen Peter-Orgel schon auszunutzen wusste und in den festlichen Gottesdiensten den Absolventen ja auch sein Instrument und sein Können vorführen wollte. Hier Vielfalt zu zeigen und dann ein paar Stunden mit Schülern an der Orgel zu sitzen und zu vertreten: "Vorspiele nur mit 8'+4'" - daran kann ich mich nicht erinnern.

Was ich damit aber eigentlich sagen will: Ich will mich gar nicht dagegen wehren, dass ich Schlüchtern mal etwas falsch gelehrt wurde. So etwas dürfte auch an anderen Ausbildungsstätten immer weider einmal vorkommen. Ich wehre mich aber gegen Verallgemeinerungen und vor allem dagegen, dass das Synonym "Schlüchtern" zur Definition für "schlechte kirchenmusikalische Ausbildung" gesetzt wird. Zumindest in meinem Kurs gab es eine Reihe sehr fähiger Kirchenmusiker als Dozenten, von denen ich einiges gelernt habe (dieser hier gehörte z. B. dazu). Auch der mir zugeteilte Orgellehrer, den ich als einen ehrwürdigen Herrn der alten Schule bezeichnen möchte, hat mir gerade über die Herangehensweise an Stücke doch einige neue Impulse gegeben. Ich hatte - das habe ich an anderer Stelle schon beschrieben - ja eine eher gleichgültige Orgelgrundausbildung genossen und mir viele Dinge autodidaktisch erschliessen müssen. Für mich war der Kurs in Schlüchtern daher eine sehr intensive Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Trotz Äqualverbot. Meiner Meinung nach ist es tatsächlich so, dass es darauf ankommt, was man aus diesen Erfahrungen macht, was man umsetzt und was man als Ausgangspunkt für eigene Entwicklungen/"Forschungen" annimmt oder eben auch ablehnt.

Zum Schluss: Auch ich habe tatsächlich ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Schlüchtern. Trotzdem habe ich es danach einigen Bekannten empfohlen, weil ich denke, dass der Ansatz eines konzentrierten Kurses neben dem eigenen, heimischen Orgelunterricht etwas ist, was zusätzliche Erfahrungen vermittelt. Und die Möglichkeit, sich mich anderen "Schülern" auszutauschen ist ebenfalls nicht zu verachten.

Sorry, Wolfgang, dass ich deine beiden Aussagen nicht stehen lassen konnte. Ich habe sie - das hoffe ich, wird deutlich - auch nicht als persönlichen Angriff verstanden, es ging mit nur um die daraus geschlossene Verallgemeinerung, die man - so ist meine Meinung - so halt nicht stehen lassen kann. Ich hoffe, dass ich dabei sachlich geblieben bin!

LG - trotzdem!
Jörg

P.S.: Ich habe immer gesagt, dass ich lernfähig bin. Wenn ich mit meiner Meinung falsch liege, nehme ich entsprechende Hinweise gerne entgegen...


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