? was der Raum benötigt ?
Das ist meiner Ansicht nach auch ein großes Problem der aktuellen Orgelbaumode.
An wenigen Stellen werden mit immensem Aufwand Monumentalorgeln gebaut, aber im Kleinen und im "Mittelbau" gleichen sich die Instrumente immer mehr. Wobei die großen Monumentalorgeln eben meistens nur vergrößerte Varianten der kleinen Orgeln sind. Auch Stilkopien orientieren sich nur an vorhandenen Vorbildern OHNE innerhalb dieses Stils viel Kreativität zu zeigen.
Die Frage ist nicht "Was hätte sein können?" sondern "Was war und wieviel davon brauchen wir, damit es gerade so eben glaubwürdig bleibt."
Ich bin davon überzeugt, daß man mit ambitionierten Projekten mit Alleinstellungsmerkmalen mehr Geld sammeln kann, als mit "Kompromissorgeln" als Arbeitstiere. Natürlich muss es die geben. Aber dazu gibt es einen mehr als gesättigten Markt an Gebrauchtorgeln.
Eine ähnliche Debatte hatten wir schon bei der von mir vor einiger Zeit angestoßenen Stimmungsdiskussion. Auf der einen Seite heißt es, daß der "gemeine" Kirchenbesucher den Unterschied nicht hört ... und auf der anderen Seite möchte man dem Kirchenbesucher dann kein vermeintlich eintöniges Repertoire bei "Charakterorgeln" in zum Beispiel mitteltöniger Stimmung bieten.
Wenn der Ottonormalhörer den Unterschied sowieso nicht hört, dann wird er sich auch nicht über vermeintliche Eintönigkeit beschweren. Es bleibt also letzlich Sache des Organisten und der Orgelsachverständigen.
WENN aber ein Organist gegenüber einen Laienpublikum erklären muss, warum an seinem Arbeitsplatz kein Ausnahmeinstrument entstanden ist und er das dann auch noch damit begründet, daß er sich nicht einschränken wollte, dann ist ihm zu wünschen, daß das Laienpublikum nicht bemerkt, daß es damit etwas verpasst, was es sonst so nicht zu hören bekommt.
Und WENN man eine Stilkopie baut, sagen wir mal, die Sparvariante "Schnitger mittelgroß", dann lässt man lieber noch das Cornet im Pedal weg, eine Flöte im Hauptwerk "reicht", statt Sexquialtera und Tertian reicht auch der Sesquialter allein, die Vox Humana fällt weg, die Cimbel sowieso ... und irgendwann hat man dann eine Orgel von Estebrügger Ausmaß auf Grasberg runtergekürzt und präsentiert danach stolz seine "Barockorgel".
Wenn man aber DAS, was der Musik für diese Orgel nicht zuletzt zu ihrem Formenreichtum verholfen hat, also die Vielfalt an Einzelstimmen, weglässt, DANN kann man die Orgel auch nach Werckmeister stimmen.
Vielleicht sollten wir uns mehr "Was wäre wenn"-Fragen stellen.
Was wäre zum Beispiel, wenn von Holy in Remscheid ein Instrument mit rheinisch-protestantischer Basis im norddeutschen Sinne umgebaut hätte? Was wäre dabei wohl herausgekommen? Wie kamen die norddeutschen Pedaltürme nach Wittlich?
Ich denke, daß Stilorgeln auch deshalb so verpönt sind, weil sie meist strikte Kopien von schon vorhandenen Konzepten sind - und davon noch der Kompromiss, anstatt einzigartige Konzepte zu bieten, die den Geist des Stils atmen UND innerhalb dessen kompromisslos und ambitioniert sind.
Wenn ein neuer, stilistisch "barocker" Farbfleck innerhalb einer Orgellandschaft schon von vornherein so blass bleibt, daß man sich fragt, wozu das gut sein soll und im Zweifel sowieso das Original vorziehen würde, dann ist klar, daß man damit keinen Enthusiasmus weckt.
Wenn aber ein neuer, stilistisch kreativer, aber konsequenter Farbfleck, der so reicht und kräftig ist, daß er sich hinter dem Original nicht verstecken muss, eine Orgellandschaft tatsächlich und auch für Laien hörbar bereichert, dann klappts auch mit den Spenden und mit der "Orgelmission".
Das bedeutet nicht unbedingt, daß man einer frühbarocken 8-Fuß-Orgel ein Fagott 32' aufpropfen sollte, Gott bewahre, nicht "groß" soll es sein, sondern abwechslungsreich, farbenreich, inspirierend.
Das bedeutet Sexquialtera UND Tertian (Nein, das kommt nicht aufs selbe raus), Dulcian UND Regal, Trompete UND Vox Humana und noch einen Dulcian 16' darüber, Terzstimmen in JEDEM Manual, nicht nur im Positiv, zwei 16'-Zungen im Pedal und wenn der Platz reicht auch noch ein dezentes Oberwerk, á la Stockholm St. Gertrud.
Das bedeutet ebenfalls kreative Lösungen, wie zum Beispiel mitteltönig gestimmtes Hauptwerk, Positiv und Pedal plus wohltemperiertes spätbarockes Echowerk mit Koppel zum Pedal und bei Bedarf herausnehmbaren Gehäusefüllungen. Mit einer Disposition wie zum Beispiel dieser:
Hohlflöte 8' (geteilt)
Viola da Gamba 8'
Quintadena 4'
Nasat 3'
Gemshorn 2'
Sifflöte 1'
Cornet IV diskant
Regal 8'
Vox Humana 8' (geteilt)
Damit lassen sich sowohl vielfältige frühbarocke Solofärbungen hinbekommen, als auch spätbarocke und moderne Einschläge. Und wenn man alle Register zusammenzieht bekommt man bei passender Intonation sogar Glanz hinein. Dazu ein "virtuelles" angehängtes Pedal, durch die Koppel + Sperrventil für die (mitteltönige) Pedallade für raschen Wechsel - und man hat eine mitteltönige "Basis" mit vielfältigen Dialog-, Echo- und Solomöglichkeiten, so daß "auch" eine solche Orgel in der Liturgie vielfältigen Aufgaben gerecht werden kann. Und das OHNE Kompromisse, was die einzelnen Plena- und Solomöglichkeiten angeht. Und ich kann mir nicht vorstellen, daß ich der einzige bin, der auf solche Ideen kommt.
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- Ein neuer Pfeifenwald... - Tabernakelwanze, 18.08.2011, 07:10
- Ein neuer Pfeifenwald... - untersatz32, 18.08.2011, 07:55
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