? was der Raum benötigt ?

Orlos, Freitag, 19. August 2011, 12:02 (vor 5556 Tagen) @ BourdonCéleste

Schon mehrmals habe ich erlebt, dass die Gemeinde durchaus mehr Orgel hätte finanzieren können und sogar finanzieren WOLLEN, doch dann kam eben das Menschliche hinzu: "Soviel Orgel brauchen die gar nicht". Ich hatte durchaus den Eindruck, dass kirchliche Behörden, sogar Orgelsachverständige, eine Art Neid entwickeln, also man den Gemeinden bzw. den Organisten "so viel Orgel" einfach nicht gönnt. Zumal wenn die neue Orgel Register und "Features" bekäme, die der Orgelsachverständige selbst nicht hat oder "seinem" Instrument bedrohlich nahekommen.
Natürlich haben Behörden die Aufgabe, Gemeinden davor zu schützen, sich mit einem Orgelneubau zu überheben und damit vielleicht ihre finanzielle Handlungsmöglichkeiten beschneiden. Aber man unterschätzt gerne die Spendenbereitschaft der Gemeinden. Als ich vor 18 Jahren einen Orgelneubau planen durfte, galt das Projekt als "ambitioniert", der Orgelsachverständige meinte, die Orgel sei eigentlich "zu groß" für diese Kirche. Der Pfarrer hat sich aber nicht kirre machen lassen. Kaum war sie fertig, war sie auch schon bezahlt, weil die Leute gespendet haben wie verrückt. Im Nachhinein habe ich mir gedacht, man hätte sogar noch großzügiger planen können, ein weiterer leiser 8' wäre zum Beispiel sehr schön gewesen. Aber von Anfang an wurde "von oben" darauf hingewiesen, dass wir nicht "übertreiben" sollten. Mittlerweile gibt es CD-Aufnahmen von diesem Instrument und zahlreiche Konzerte, in der Liturgie hat sie sich absolut bewährt. Und ich bin so froh, dass ich nicht nur eine einzige sinnvolle Registrierung für die Gemeindebegleitung habe, sondern viel variieren kann. (Trotzdem meint der Kollege von der Nachbarkirche immer noch, 14 Registern hätten auch gereicht. Allerdings kann er mit manchen Registern auch schlichtweg nichts anfangen, z. B. mit einer Schwebung. Alte Schule eben...)
Also ich kann die Frage, warum man sich scheinbar ständig am Minimum orientiert, völlig verstehen, weil ich sie mir selbst bei manchen Projekten gestellt habe. Es geht gar nicht immer um Lautstärke oder Volumen, sondern um den Luxus leiser Register, die natürlich auch Geld kosten.
Hätte es dieses Minimaldenken schon immer gegeben, würden wir heute einige historische Orgeln nicht in dieser Pracht bewundern können. Andererseits führte das Konkurrenz- und Prestigedenken auch zu Instrumenten, die vergleichsweise (zu) groß dimensioniert sind. Solange sie nicht zu laut sind, ist mir das aber völlig egal, denn eigentlich gibt es gar kein "zu groß". Wenn ich sieben 8'-Register im Hauptwerk habe, ist das purer Luxus, aber herrlich! Ich bin froh, dass man vor 100 Jahren dieser Kirche eine solche Orgel "gegönnt" hat!


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