Perle der Empore - Posting vom Januar 2009

jrbecker @, Montag, 10. Juni 2013, 21:57 (vor 4826 Tagen) @ ado

Manche Fragen werden durch mein Post von Januar 2009 - damals noch im alten Forum - beantwortet, das ich der Einfachheit halber hier noch einmal einstelle:

Guten Abend, liebe Foris!
Nachdem ich nun den Abendgottesdienst mit Verabschiedung des Gemeindepädagogen und ausschließlich NGL hinter mich gebracht habe, kann ich mich nun Wolfgangs spannender Frage widmen. Es freut mich, dass er das Thema angeschnitten hat und dass ihr euch für Gießen interessiert. Das kommt nicht allzu oft vor, denn wer Gießen kennt, weiß, dass es eigentlich nicht viel zu bieten hat… zumindest orgelmäßig. Kleine Anmerkung vorweg: Wer sich einmal kurz in die – durchaus interessanten – Gießener Stadtgeschichte einlesen möchte, kann dies in dem Wikipedia-Artikel tun. Entscheidendes Datum für Gießen ist übrigens der 6. Dezember 1944, an dem die Stadt nahezu vollständig zerstört wurde (http://de.wikipedia.org/wiki/Gie%C3%9Fen).
Bevor ich weiterschreibe eine Anmerkung: Alle Dispositionen kann ich bei Bedarf nachliefern, wenn ihr dies wünscht, merkt es einfach an.
Von dem erwähnten Bombenhagel blieben auch die damals vorhandenen drei großen Gießener Kirchen nicht verschont, als da wären:
- Die nicht wieder aufgebaute ev. Stadtkirche, eine Kirche mit langer Bau- wie Orgelgeschichte. Ihr Turm – der das Bombardement einigermaßen gut überstanden hat – und Grundriss auf dem Kirchplatz werden als Denkmal erhalten. In ihr ging eine dreimanualige Weigle-Orgel aus den Jahren 1885-1887 mit 40 Registern unter.
- Die ev. Johanneskirche, die erst 1883 vollendet wurde und als Erstausstattung das Walcker-Opus 650 mit III/38 erhielt, die 1939 durch Förster & Nicolaus klanglich umgebaut („aufgehellt“) wurde. Kirche und Orgel wurden offensichtlich nicht so stark zerstört, denn Bösken berichtet, dass das „veraltete Werk einem neuen weichen“ musste, das Förster & Nicolaus 1967 mit III/43 errichtete. Für dieses Werk lieferte Gottlob Ritter die Disposition und – Achtung! – Walter Supper den Prospektentwurf. (Letzteres gilt auch für die Petruskirchenorgel, die 1968 entstand.)
- Die kath. Bonifatiuskirche, die 1903 – 1905 errichtet wurde und als Orgel zunächst nur das 15registrige Werk aus der Hand Dreymanns erhielt, das bereits 1840 für die viel kleinere Vorgängerkirche errichtet wurde. Die erste große Orgel erhielt diese Kirche tatsächlich mit dem Instrument, das in diesem Thread zur Diskussion steht.
Erst nach dem 2. Weltkrieg wurden drei weitere große Kirchen gebaut, die ev. Petruskirche, die kath. Pfarrkirche St. Albertus und – ebenfalls kath. – St. Thomas Morus. Daneben gibt es vor allem in den Stadtrandsiedlungen noch weitere kleinere Neubauten aus dieser Zeit.
Man sieht also: In der Gießener Innenstadt selbst gibt es in insgesamt mindestens 14 Kirchenbauten (ich weiß nicht, ob ich gerade alle parat habe) allenfalls zwei Orgeln aus der Zeit vor 1945, ein Instrument von 1910 mit I/6, umgebaut 1955 und ein weiteres mit II/12+2TM aus 1932 in der NAK.
Nun jedoch endlich zur Bonifaitus-Orgel, deren Bild Wolfgang hier ja schon verlinkt hat. Tatsächlich stammt das Rückpositiv aus dem Jahr 1958, damals wurde es laut Bösken als „Schola-Positiv“ errichtet und nahm „Bezug auf die Planung für ein dreimanualiges Werk“.
Hier erst einmal die Disposition nach meiner Aufzeichnung im Jahr 1990, als ich die Orgel kennenlernte (die Fassung nach Bösken weicht in einigen Details der Registerbezeichnungen und der Registerzahl ab, ich folge lieber der Aufzeichnung vom Spieltisch) (Vielen Dank übrigens Wolfgang P., der zwischenzeitlich ja die Bösken-Disposition zitiert hat!) Hier also nun die Register nach den Wippen am Spieltisch:
I. Rückpositiv (C-g³)
Metallgedackt 8'
Viola da Gamba 8'
Prinzipal 4'
Koppelflöte 4'
Nasard 2 2/3'
Oktave 2'
Sifflöte 1'
Zimbel III-IV
Regal 8'

Tremulant


II. Hauptwerk
Gedacktpommer 16'
Prinzipal 8'
Rohrflöte 8'
Oktave 4'
Nachthorn 4'
Blockflöte 2'
Rauschpfeife II
Mixtur IV-V
Trompete 8'
Schalmei 4'


III. Oberwerk
Holzpfeife 8'
Quintade 8'
Prästant 4'
Rohrflöte 4'
Quinte 2 2/3'
Spitzflöte 2'
Terz 1 3/5'
Larigot 1 1/3'
Terz 4/5'
Scharf IV-V
Oberton I-III
Bärpfeife 16'
Krummhorn 8'

Tremulant


Pedalwerk (C-f')
Prinzipal 16'
Subbaß 16'
Quintbaß 10 2/3'
Oktavbaß 8'
Gedacktbaß 8'
Gemshorn 4'
Nachthorn 2'
Pedalmixtur VI
Posaune 16'
Klarine 4'

III/I, I/II, III/II, I/Ped, II/Ped, III/Ped
2 freie Kombinationen
Auslöser
Pleno
Zungen
Prinzipalchor RP, HW, OW, Ped

Zur Disposition: Die finde ich an und für sich schon recht vollständig. Natürlich kann man in jedem Werk etwas ergänzen oder leicht ändern, und schon wird es noch besser. Aber bitte bedenkt: Die Orgel ist 1958/65 entstanden. Für diese Entstehungszeit sind zwei Werke auf 4‘-Basis neben dem Hauptwerk nicht gerade häufig, viel öfter findet man piepsige 2‘-Werkchen als III. Manual in solchen Orgeln. In jedem Manual findet man solofähige Register und Begleitfunktion, im Hauptwerk allerdings wäre ein Cornet tatsächlich schön gewesen. Auch das Rückpositiv in 8‘-Höhe mit der offenen Spitzgambe im Prospekt macht die Orgel nicht nur architektonisch markant.
Nein, es ist keine französisch-romantische Orgel und noch nicht einmal das Oberwerk steht im Schweller, was das Instrument natürlich für diese Epoche – und zwar nicht nur für französische Musik dieser Zeit – nur sehr schwer brauchbar macht. Umgekehrt sind die ganz „modernen“ Tendenzen wie z. B: bei Helmut Bornefeld hier nur gemäßigt zum Tragen gekommen, wie ich meine in durchaus vertretbarem Maße.
Ein größeres Problem stellt tatsächlich die Kombination Pfeifenmaterial – Mensuren – Winddruck dar. Ersteres ist wirklich nicht das hochwertigste, die Pfeifen sind zum Teil recht dünnwandig, einzelne Pfeifen sind – soweit ich mich erinnere – auch schon einmal eingesunken, und mussten nachgearbeitet werden. Die Mensuren sind tatsächlich eher eng, auch die Zungenstimmen sind mager, vor allem auch die Trompete und Posaune habe ich eher dezent in Erinnerung. Für Regale muss man etwas übrig haben, um sie zu mögen, ich persönlich mag sie halt, deshalb stören sie mich auch in einer solchen Orgel nicht zu sehr. Natürlich wäre ein Fagott 16‘ und eine Oboe 8‘ im OW schöner gewesen, aber 1958/65 waren diese Register „noch nicht dran“.
Trotz alledem hat die Orgel aus der Anfangszeit unserer Bekanntschaft bei mir einen durchaus runden Eindruck hinterlassen, das heutige Urteil des Kantors, die Orgel sei „blass, charakter- und belanglos“ hätte ich damals sicher nicht unterschrieben. (Wenn ich das jetzt nicht völlig falsch eintüte, dürfte zumindest an der Intonation des Rückpositivs im Jahr 1958 noch der berühmte Intonateur Fritz Abend mitgewirkt haben, das müsste man noch einmal durch eine Nachfrage bei Förster & Nicolaus klären!) Aber sicher war die Orgel schon damals ein wenig „schwach auf der Brust“, um den großen Kirchenraum mit einer hervorragenden Akustik zu füllen und eine große Festgemeinde zu führen.
Die Traktur – elektrische Schleifladen – war damals noch überwiegend in Ordnung, auch hierüber hätte ich damals nichts Negatives gesagt. Und dass das Gehäuse aus Pressspanplatten gefertigt ist, habe ich damals nicht geprüft, ich muss zugeben, dass mich dies damals nicht interessiert hat.
Ich habe das genaue Geschehen um die Orgel nicht ständig verfolgt, jedoch drängt sich bei Betrachtung der aktuellen Bilder hier in diesem Fall der Verdacht auf, dass man zu lange gewartet hat und in der Pflege der Orgel zu nachlässig war. Man möge mir widersprechen: Aber auch der gezeigte Schmutz wird nicht ohne Auswirkungen auf den Klang des Instruments sein. Und dass eine 1958/65 mit einfachen Mitteln angelegte elektrische Traktur nach fast 45 Jahren ausgetauscht werden muss, haben wir bei anderen Orgeln auch schon erlebt, das halte ich für (fast) normalen Verschleiß bei der Wahl dieser Trakturart. Hätte man die Probleme der Orgel vor 10 Jahren angegriffen, wäre vielleicht noch etwas machbar gewesen. Natürlich hätte man das Spanplattengehäuse nicht austauschen können, was vielleicht ein Zeichen dafür ist, dass man nicht alle Mankos in den Griff bekommen hätte. Aber ein Teil der heutigen (Anm.: 2009er) Probleme hätte man mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einem besseren Stand halten können.
Der heutige Zustand der Orgel ist – das sage ich aus der Sicht eines Organisten, der mit den Instrumenten der 60er Jahre groß geworden ist – schlicht traurig. Dass sie noch zu retten ist, wage selbst ich als Optimist zu bezweifeln. Vor allem, dass es einen wirtschaftlichen Sinn hat, sprich eine dauerhafte Lösung ist und sich die Investition des Geldes lohnt, möchte ich doch bezweifeln.
Hinzu kommt hier, dass der (noch relativ neue) Organist der Kirche ein vorzüglicher Improvisator (? Improvisateur? – habe gerade keinen Duden da) ist und ein großes Herz für romantische Orgeln hat. Ich habe ihn in „meiner“ Kirche an einer 1975er, II/20er Förster & Nicolaus-Orgel mit Messiaen gehört – das hat überhaupt nicht gepasst. Anschließend hat er sich in ebenfalls „meiner“ Nachbarkirche an die 1925 erbaute hochromantische Förster & Nicolaus-Orgel mit II/14 (HW 8-8-8-4-2 2/3-2, OW 8-8-8-8-4, Ped 16-16 WA-8) gesetzt und ¼ Stunde improvisiert, als wäre ihm die Orgel unter die Finger geschnitzt worden… Nachdem ich dies gehört habe, kann ich seine Meinung über die Bonifatius-Orgel nachvollziehen.
Akzeptieren fällt mir allerdings nach wie vor schwer, weil ich an diese Orgel einige schöne Erinnerungen habe, ein weinendes Auge habe ich schon, wenn sie verschwinden wird.
Zur Ausgangsfrage: Perle der Empore? – ja, sicherlich zur Erbauungszeit ohne Frage, heute wohl nur noch architektonisch. Aber ob die Nachfolgerin an dieser Stelle auch eine Perle wird? Das zu hoffen, macht den Abschied ein wenig akzeptabler.
Hoffe, euch mit diesem Roman nicht zu sehr gelangweilt zu haben.


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